Zu Gast bei Fremden

27.10.2016  /  3 Minuten Lesezeit
Autor:
Klaus Ennen

Amadeus Blog: Sharing Economy mit Kalorien: Länder lassen sich mit gutem Appetit auch am Esstisch der Einheimischen erkunden

Im Grunde genommen war Trampen der Anfang der Sharing Economy. Dann wurde das Prinzip „Jemanden mitnehmen“ durch die Mitfahrzentralen systematisiert und professionalisiert. In ihrem Fahrwasser entstanden Vermittlungsstellen für einige weitere Lebensbereiche: Mitflugzentralen, Mitwohnzentralen und Mitesszentralen. Wer in den 80er- und 90er-Jahren in einer Großstadt die Stadtmagazine las, stieß zwangsläufig auf ihre Anzeigen.

Heute haben große Sharing-Economy-Unternehmen aus den USA die studentisch grundierte Selbsthilfe-Idee längst auf ein damals unvorstellbares Niveau gehoben. Das Thema Mitfahren wird von Uber dominiert, Mitwohnen von Airbnb – obwohl es noch viele lokale Anbieter gibt, auch außerhalb des Internets.

Kartoffelpüree mit heißen Kirschen?

Mitesszentralen dagegen waren lange Zeit vielen nur Spott wert. Kennen Sie „Badesalz“? Die beiden Comedy-Hessen sind für Nordlichter vielleicht gewöhnungsbedürftig, aber sie haben in ihrem Sketch „Mitesszentrale“ das Thema schön deftig aufs Korn genommen. Da steht Herr Schulz beispielsweise total auf Eis mit heißen Kirschen, aber bitte nicht beim Studentenpärchen. Und wenn schon Bratwürstchen mit Kartoffelpüree, dann bloß keine feinen – „des mag isch net“.

Sushi im Kreis einer japanischen Familie oder „Weck, Worscht unn Woi“ auf der Deutschland-Tour in Frankfurt – die Idee hat allerdings ihren ganz und gar ernst zu nehmenden Charme. Gerade hat ein Unternehmen aus Singapur damit begonnen, die alte Idee mit der nötigen Professionalität auf globaler Ebene zu neuem Leben zu erwecken: BonAppetour verspricht Essen bei privaten Gastgebern zum Beispiel in Rom, Barcelona, Berlin, Tokio und natürlich in Singapur.

Auf der Internetplattform machen Städter ihren Gästen die heimische Küche schmackhaft. Dabei kann die Essenseinladung je nach Stadt schon mal bis zu 120 Euro pro Gast kosten. Ausgesucht wird das Menü nicht – wie bei „Badesalz“ – telefonisch, sondern natürlich Schritt für Schritt online.

Das ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Viele Reisende verbinden Urlaub mit üppigen All-inclusive-Büffets oder mit Abendessen in feinen Restaurants. Gast in fremden Küchen zu sein mag für sie den Beigeschmack eines Verwandtenbesuchs haben.

Essen als authentisches Erlebnis

Das muss aber auch nicht jedermanns Geschmack sein. Eine Zielgruppe aber gibt es sicher für diese Art des Abendessens – die Kulturpuristen nämlich, wie sie Amadeus in seiner Typologie künftiger Reisender beschrieben hat (in der Studie „Future Traveller Tribes 2030“): Die Kulturpuristen „suchen nach Reisen, auf denen sie ganz in andere Kulturen eintauchen können, auch wenn das nicht immer bequem ist. Je authentischer das Erlebnis, desto größer das Urlaubsvergnügen.“

Daher glaube ich, dass BonAppetour – und vergleichbare Portale – eine Chance auf dem Markt haben. Die Technik ist bezahlbar, das mobile Web bringt die Angebote genau dort auf die Mobilgeräte, wo der Hunger sich rührt und Ideen für das nächste Essen besprochen werden, und durch den globalen Ansatz hat das Portal die Chance, sich zur internationalen Marke zu entwickeln. (Immer vorausgesetzt, die Plattformen werden nicht von kommerziellen Essensanbietern zur Umgehung von Steuern und Hygienevorschriften missbraucht. Aber da geben wir dem Qualitätsmanagement einen Vertrauensvorschuss.)

Die gute Nachricht für Sie ist: Egal, welcher Reisetyp am Counter sitzt – die Branche entwickelt differenzierte Angebote für jeden Typ. Und auch wenn Portale wie BonAppetour sich nicht direkt in Umsatz niederschlagen, so sind sie doch ein guter Tipp.

Über den Autor

Klaus Ennen verantwortet den Bereich Marketing Kommunikation bei Amadeus DACH & Traveltainment. Er jongliert täglich virtuos Informationen zwischen Presse, Amadeus Magazin und Newsletter, Webseite, Community, Blog und weiteren Social Media…
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