„Wir sind Eltern, ohne Eltern zu sein“

09.02.2016  /  4 Minuten Lesezeit
Autor:
Andrea Jäger

Amadeus Blog: Sieben Tagesseminare dauert es, bis sich das Leben von Andrea Jäger weitgehend ändert: Die Bad Homburger Unternehmerin, Inhaberin der Unternehmensberatung Change & Culture, lässt sich gerade vom Kinderschutzbund Bad Homburg zum ehrenamtlichen Vormund für unbegleitete Flüchtlingskinder und -jugendliche ausbilden.

Anschließend wird sie einen jungen Menschen mindestens bis zur Volljährigkeit begleiten. Der Kinderschutzbund setzt sich für Minderjährige unter anderem aus Syrien ein, die gegenwärtig in Kinderheimen und Wohngruppen der Region untergebracht sind. Amadeus Germany und Amadeus Data Processing übernehmen die Ausbildung von vier ehrenamtlichen Vormündern – auch die von Andrea Jäger. Wir haben mit ihr über das Projekt gesprochen.

Frau Jäger, warum wollen Sie ehrenamtlicher Vormund für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden?

Aus zwei Gründen. Zum einen hat mich das Thema Flüchtlinge sehr bewegt. Ich denke, der beste Weg, um der Hysterie der gegenwärtigen Diskussion zu begegnen, ist ein konkretes Projekt. Sehen Sie das als ganz klassisches bürgerschaftliches Engagement – wenn sich jeder beteiligt, dann ist schon viel erreicht. Dazu tritt eine persönliche Motivation: Ich habe lange als Sozialpädagogin gearbeitet und möchte nach Jahren der Unternehmensberatung wieder etwas richtig Sinnstiftendes machen. Ich gehe zurück zu meinen Wurzeln.

Was lernen Sie derzeit in der Ausbildung?

In den Tagesseminaren geht es viel um rechtliche Fragen, vor allem natürlich aus den Bereichen Jugendhilfe und Asylrecht. Dazu kommen sozialpädagogische Aspekte. Psychologie und Trauma-Bewältigung spielen eine Rolle, weil viele Kinder und Jugendliche Schreckliches erlebt haben. Nicht zuletzt geht es darum, unsere Rolle und Aufgaben genau zu definieren: Was sind wir, was sind wir nicht?

Worin wird Ihre Rolle denn bestehen?

Wir sind Eltern, ohne tatsächlich Eltern zu sein. Wir übernehmen die Rolle der Erziehungsberechtigten in dem Bewusstsein, dass die Kinder leibliche Eltern haben, die sie vermissen und die hoffentlich irgendwo auf der Welt noch leben. Ich werde eine ganze Reihe von Entscheidungen für mein Mündel treffen, beispielsweise was die Wohnung und den Schulbesuch angeht, und diejenige sein, die sich für dieses Kind einsetzt. Die Minderjährigen bekommen es ja mit vielen Betreuern zu tun, die sich ihrerseits um viele Kinder und Jugendliche kümmern müssen. Da brauchen sie eine Person, die ihre Interessen im Blick hat. Für mein Mündel werde ich das sein.

Das klingt nach hohem Zeitaufwand. Wie sagt denn Ihre Familie dazu?

Das wird schon einiges von meiner Zeit in Anspruch nehmen – wieviel genau, werde ich erst wissen, wenn es soweit ist. Meine drei Stiefkinder jedenfalls sind fast aus dem Haus und finden das gut. Und mein Mann ist sogar der ursprüngliche Ideengeber. In seine Familie hat ein Ghanaer eingeheiratet. Wir haben alle die Luft angehalten, weil er kein Wort Deutsch sprach, aber der junge Mann hat alles, was auf ihn zukam, mit Bravour hinbekommen. Daraufhin sagte mein Mann, dass es sicher viele solche junge Menschen gibt, die nur etwas Unterstützung brauchen. Er wird mich unterstützen, auch deshalb, weil viele der jungen Flüchtlinge männlich sind, die brauchen ein Rollenvorbild.

Kennen Sie Ihr Mündel schon? Wie alt wird es sein?

Mein Mündel werde ich nach Abschluss der Ausbildung im Frühsommer kennenlernen. Das kann sowohl ein Kind als auch ein Jugendlicher sein. Das Jugendamt und der Kinderschutzbund legen viel Wert darauf, dass Mündel und Vormund gut zueinander passen. Diese Auswahl ist ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Wird es eine Sprachbarriere geben?

Da habe ich wenig Sorge. Die Flüchtlinge sollen ja möglichst schnell gut Deutsch lernen, bis dahin sprechen wir, wenn das geht, Englisch, ansonsten mit Händen und Füßen. Für wirklich wichtige Themen können wir Dolmetscher hinzuziehen.

Freuen Sie sich auf Ihre Aufgabe – oder haben Sie Bammel?

Beides. Ich freue mich darauf loszulegen. Ein bisschen Bammel habe ich natürlich auch, weil ich ganz sicher hier und da an meine Grenzen stoßen werde. Aber: Der Kinderschutzbund in Bad Homburg arbeitet sehr professionell. Auch wenn die Situation drängt, legen sie Wert auf gute Ausbildung und überstürzen nichts, sie bieten eine Supervision, und wir Vormünder werden uns gut vernetzen und gegenseitig unterstützen. Das heißt: Ich weiß, an wen ich mich wenden kann, wenn es schwierig wird. Sollte sich herausstellen, dass mein Mündel und ich gar nicht miteinander klarkommen, dann bespreche ich das mit den Kollegen vom Kinderschutzbund, und wir suchen nach einer guten Lösung.

Was würden Sie Lesern dieses Blogs raten, die auch etwas tun möchten, bei denen aber noch der Bammel überwiegt?

Einfach ran an den Speck. Natürlich sollte die Entscheidung, Vormund zu werden, gut überlegt sein. Aber es gibt vielfältige Möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements für Flüchtlinge. Der Kinderschutzbund in Bad Homburg zum Beispiel berät Interessierte ausführlich dazu, was sinnvoll ist und zu einem passt.

Was hat denn die Gesellschaft davon, wenn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ordentlich betreut werden?

Diese Frage stellt sich gar nicht so, denn nach unserem Recht haben alle Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren in Deutschland das Recht auf eine gute Betreuung durch die Jugendhilfe, wenn Eltern, aus welchen Gründen auch immer, ihre elterliche Sorge nicht oder nicht mehr ausüben können. Das ist Kinderschutz, und zwar völlig unabhängig davon, ob Kinder und Jugendliche in Deutschland geboren oder nach Deutschland geflüchtet sind.

Über den Autor

Andrea Jäger ist Inhaberin der Unternehmensberatung Change & Culture in Bad Homburg. Die 52-jährige Diplom-Sozialpädagogin mit langjähriger Erfahrung in der Personalentwicklung großer Unternehmen berät zu Themen wie Change Management, Leadership-Excellence-Programmen…
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