Wie ich mal in den USA nicht gewählt wurde

14.11.2016  /  3 Minuten Lesezeit
Autor:
Bernd Schulz

Amadeus Blog: Wahlen zum Verbandsvorstand sind in der GBTA fast organisiert wie eine Präsidentenwahl

Heute beginnt in Frankfurt am Main die größte europäische Geschäftsreise-Konferenz, die VDR & GBTA Conference 2016. Dort werde ich als Präsidiumsmitglied des Verbands Deutsches Reisemanagement auf der Bühne stehen und mitdiskutieren – aber nicht als Vorstandsmitglied der GBTA. Chancen darauf hatte ich, denn ich habe mich zur Wahl gestellt. Und verloren. Es war trotzdem toll.

Die Global Business Travel Association GBTA ist aus der North-American Business Travel Association NBTA entstanden und wird von jeher ausschließlich von US-Amerikanern gemanagt. Um den globalen Anspruch stärker zu unterstreichen, haben wir im European Advisory Board der GBTA beschlossen, zu den Vorstandswahlen im Sommer 2016 mit einem europäischen Kandidaten anzutreten. Also habe ich mich nach Absprache mit meinen europäischen Kollegen um einen Sitz unter den „allied members“ im Global Board of Directors beworben. Insgesamt gab es vier Kandidaten für diesen Sitz, drei davon mit US-Staatsbürgerschaft.

Solche Wahlen laufen in amerikanischen Gremien ganz anders ab als in Deutschland, wie wir ja in den vergangenen Monaten ein paar Politik-Etagen höher gut beobachten konnten. Zum Beispiel gibt es auch um Verbandsvorstands-Sitze einen richtigen Wahlkampf. Wir erhielten genaue Vorgaben, was dabei erlaubt ist und was ausdrücklich nicht. Erlaubt waren zum Beispiel Giveaways wie „Vote“-Anstecker. Allerdings durften wir während des Wahlkampfs nicht mehr auf GBTA-Veranstaltungen auftreten, wir durften an Messeständen keine „Wählt-mich!“-Plakate aufhängen und kein Callcenter damit beauftragen, das Wahlvolk anzurufen und uns ins Gespräch zu bringen. Ich nehme an, es hat seinen Grund, dass das extra betont wurde.

Gleichzeitig steuert die GBTA den Wahlkampf über definierte Kanäle. Sie verteilte so genannte Platform Statements der Kandidaten unter den Mitgliedern, stellte uns Empfängerlisten für den Versand eigener E-Mails zur Verfügung und erlaubte uns, unsere Kontakte in den sozialen Medien anzuschreiben.

Höhepunkt aber war eine Konferenz in Denver, Colorado, mit 7000 Teilnehmern, wo sich alle Kandidaten mit einem 30 Sekunden langen Video und einer kurzen Rede vorstellen sollten. Meinen ersten Redeentwurf konnte ich nicht umsetzen, weil ich vorhatte, mich frei auf der Bühne zu bewegen – was aber nicht ging, wie sich bei der Generalprobe herausstellte. Den zweiten Entwurf, nachts im Hotel niedergeschrieben, habe ich in dem Moment verworfen, in dem ich die Bühne betrat. Nachdem ich mehrere andere Kandidaten gehört hatte, ging mir auf, dass die wohlüberlegten inhaltlichen Unterschiede sich in der Summe kaum voneinander abhoben. Um mich zu differenzieren, habe ich kurzerhand frei improvisiert und nicht viel auf die üblichen Phrasen geachtet. Und das unter hohem Zeitdruck, denn wir hatten alle genau zwei Minuten, nach denen sich eine Art Schachuhr meldete – eine spezielle Eigenart US-amerikanischer Bühnen.

Überhaupt war der Auftritt der Kandidaten mit der Professionalität einer Fernsehshow organisiert. Ich wurde geschminkt und frisiert, ich musste durch die Generalprobe, und hätte ich meine Rede ablesen wollen, hätte ich das (wie die anderen) von einem Teleprompter tun können. Kameras übertrugen alles auf Bildschirme im ganzen Konferenzzentrum.

Hat alles nichts genutzt, könnten Sie jetzt sagen. Gewählt wurde dann ja nicht ich, sondern Gus Vonderheide, Amerika-Manager von Hyatt. Er ist ein hervorragender Geschäftsreise-Experte mit einem sehr guten Bewerbungsvortrag, dem ich gerne gratuliert habe.

Aber, was soll ich sagen: Geil war’s. Ich bin froh, dass ich erleben durfte, wie groß und amerikanisch Vorstandswahlen laufen können. Und ich habe hoffentlich als erster Nicht-US-Kandidat in der Geschichte der GBTA den Weg für künftige globale Vorstandsmitglieder geebnet.

Während der VDR & GBTA Conference 2016 stehe ich wieder auf der Bühne – mit meiner Premiere als Moderator: Dort leite ich am Dienstag, 15. November, um 9:45 Uhr im Hauptsaal eine Diskussion mit Technologie-Startup-Gründern: „The New Leaders of the Technology Revolution unplugged“. Ich freue mich darauf, Sie zu sehen: im Publikum, während einer Diskussion oder einfach auf dem Gang.

Über den Autor

Bernd Schulz verantwortete bis Dezember 2016 als Geschäftsführer für Amadeus Germany die Märkte Deutschland, Österreich & Schweiz. Er war zuvor in diversen Funktionen im In- und Ausland in der Touristik…
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