Wenn der Domino-Effekt die Flugreise zum Wackeln bringt

07.12.2016  /  4 Minuten Lesezeit
Autor:
Guido Haarmann

Amadeus Blog: Wenn Flugverspätungen und Ausfälle mit Hilfe von IT eingeschränkt beziehungsweise schneller überwunden werden, spart das enorm viel Geld und Nerven. Guido Haarmann, Managing Director Airlines Central Europe, erläutert, mit welchen innovativen Lösungsansätzen die Reisebranche das Thema Airline Disruption Management (IROPS) angehen kann.

Wut, Frust, Ohnmacht. Ich kenne niemanden, der sich nicht schon wegen Flugverspätungen immens geärgert hat. Sei es, dass private Zeit verloren geht, oder Berufliches darunter leidet. In jedem Fall wird es ordentlich teuer. Vor allem für die Reisebranche selbst. Eis und Schnee, Vulkan-Asche, Streiks oder Terrorismus kosten die Branche alljährlich rund 55 Mrd. Euro. Das bedeutet, dass acht Prozent des Umsatzes, den die Industrie erwirtschaftet, durch Flugverspätungen und Annullierungen vernichtet werden! Dies hat das Travel Technology Research Unternehmen T2RL im Auftrag von Amadeus errechnet. Wenn der Flieger nicht abhebt, dann verhält sich das so wie beim Domino: Erst kippt zwar nur ein kleines Steinchen. Genau dieses bringt dann aber das ganze System zu Fall – der Domino-Effekt als Kettenreaktion.

Den gibt es auch beim Betreiben von Flugzeugen und Airports. Bleibt ein Jet während der Tagesrand-Zeiten zu lange am Gate, muss ein anderer warten. Der erste verliert seinen Slot. Im zweiten sitzen Passagiere, die ihre Umsteigeverbindung verpassen. Sie müssen umgebucht werden. Weil der Pilot, der zu lange am Gate warten musste, einen neuen Slot braucht, steht dieses Zeitfenster einer dritten Maschine nicht mehr zur Verfügung. Diese hebt wiederum zu spät ab. Jetzt sind schon vier Flugzeuge „delayed“. Und so kann eine kleine Verspätung einer Airline dem ganzen Flughafen, ja sogar dem gesamten Flugraum, mächtig zusetzen. Denn ein System aus Flugzeugen pünktlich nach Flugplan zu betreiben ist hoch komplex. Hinzu kommen Abläufe bei den Partnern – von der Flugsicherung bis zum Caterer.

„Show-Stopper“

Dieser Grad an Komplexität lässt sich vielleicht mit der in der Automobil-Industrie vergleichen. Weil ganze Großlager eingespart wurden, schrauben, schweißen, löten und kleben heute die Arbeiter die Karossen „just in time“ zusammen. Denn mehr als 50 Prozent eines Autos kommen heute von Zulieferern. Die sorgen dafür, dass ihre Komponenten genau dann ans Band geliefert werden, wenn sie der Autohersteller braucht. Das funktioniert meistens, aber nicht immer. Wenn der Lastwagen nicht pünktlich anliefert, dann zwingt das riesige Autokonzerne in die Knie. Ein einziger Stau ist kalkuliert. Aber viel mehr nicht. Die Logistiker in den Autokonzernen betreiben ein High-Tech-Computernetz, damit es nicht zu solchen Ausfällen kommt. Wenn aber ein Stoffhersteller für Autositze nicht liefert, dann fallen auch in der Herstellungskette eines Automobilkonzerns die Domino-Steinchen um.

Bei Amadeus setzen wir uns intensiv mit den Herausforderungen auseinander, vor denen unsere Airline-Kunden stehen. Dazu zählt etwa das enorme Passagierwachstum der vergangenen Jahre, gepaart mit der zunehmenden Vernetzung der Reisenden. Alle Prozesse sind eng miteinander verbunden: Das Ausstellen von Tickets und Bordkarten, Webseiten, Apps und natürlich der Flugbetrieb. Wir gestalten gemeinsam mit unseren Kunden vernetzte, digitalisierte Prozesse, um ihre Wettbewerbsfähigkeit beizubehalten oder auszubauen.

Gigantische Maschinerie rund um den Flug

Bei Naturkatastrophen, extremen Witterungsbedingungen und Streiks verliert die Fluggesellschaft Geld. Zum einen durch Ausfall der Einnahmen, zum anderen durch den Mehraufwand, um die Kunden trotzdem ans Ziel zu befördern. Noch teurer wird es für die Airline, wenn der Flug mindestens drei Stunden verspätet gestartet oder ganz ausgefallen ist, weil es technische Probleme gab, die Maschine überbucht war oder die Startfreigabe verspätet erteilt wurde. Mindestens 250 Euro Entschädigung erhalten dann Kurzstreckenflieger, 600 Euro Entschädigung gibt es für Langstrecken-Passagiere.

Nachvollziehbar, dass eine gigantische Maschinerie anläuft, wenn sich Flüge verspäten. Passagiere werden umgebucht, selbst zum Wettbewerber, wenn es sein muss. Airlines bestellen Hotelzimmer und arrangieren Transfers. Und wenn gar nichts mehr geht, schlägt der Flughafen-Betreiber Feldbetten in den Wartehallen auf.

Wackelkandidaten im Visier

Soweit soll es aber nicht kommen. Daher haben wir uns intensiv mit den Abläufen einer Flugreise beschäftigt, um den Domino-Effekt zu stoppen, sobald ein Steinchen wackelt. Zwei Beispiele:

  • Qantas nutzt Amadeus Schedule Recovery als erste Airline. Hinkt es im Betriebsablauf wegen schlechten Wetters oder Überlastung der Flugsicherung, kann das Management schneller reagieren. Die Software unterstützt Airline-Manager darin, schnelle Entscheidungen zu treffen, wenn sie Flüge verschieben oder annullieren müssen oder defekte Jets austauschen. Der „Flugplan-Wiederhersteller“, so die wortwörtliche Übersetzung des Amadeus Produkts, ermöglicht es, auf Datenanalysen basierten Informationen kostengünstige und schnelle Entscheidungen zu treffen, die den Passagieren nützen.
  • Der Airport Ressource Tracker überwacht die Interaktion mit der Flugsicherung. So können Slots bestmöglich genutzt werden. Wenn die Prozesse nicht optimal laufen, treten beim Check-In, am Gate oder bei der Gepäckausgabe Kapazitätsengpässe auf. Der Airport Ressource Tracker überwacht diese Vorgänge und gibt Alarm, wenn die Daten nicht stimmen.

Immer mehr Faktoren beeinflussen die Flugreise, und jeder besteht aus wiederum vielen Domino-Steinchen. Bei allen gibt es Unwägbarkeiten. Wer sie mittels Technologie und Daten analysiert hat, weiß, wann welcher Stein im Domino-Spiel den Anstoß gibt. Dann können umgehend Maßnahmen ergriffen werden, damit die Reise planmäßig verläuft. Das sind willkommene Lösungen für unsere Airline-Kunden und die Reisenden. Ade, Domino-Effekt!

LESE-TIPP:  Studie “Shaping the Future of Airline Disruption Management

Die Studie von T2RL und Amadeus zeigt, dass Unregelmäßigkeiten der Branche jährlich Kosten in Höhe von rund acht Prozent der weltweiten Umsätze verursachen.

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Über den Autor

Guido Haarmann ist seit Februar 2016 Managing Director Airlines Central Europe bei Amadeus und hat mittlerweile sein Büro in Bad Homburg bezogen. Zuvor war er international als Senior Advisor für…
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