Wenn Computer die Kommunikation übernehmen

28.08.2018  /  4 Minuten Lesezeit

Vision: Noch ist das Sprechen für Computer eine Herausforderung. Doch sie lernen schnell. Wird man bald nicht mehr unterscheiden können, ob ein Mensch oder eine Künstliche Intelligenz am anderen Ende der Leitung ist? Und was bedeutet das für Reisebüros?

Als Google auf der jüngsten Entwicklerkonferenz die neuesten Errungenschaften des Software-Riesen präsentiert hatte, konnten sich die Gäste an zwei Dialogen erfreuen: Einmal wurde telefonisch ein Termin beim Friseur reserviert, das andere Mal ein Tisch in einem Restaurant. Ersteres funktionierte, Letzteres zur Erheiterung der Teilnehmer noch nicht so recht. Aber es sollte ja auch nur ein Anfang sein. Denn das Besondere an den Gesprächen: Im ersten Fall war der Anrufer kein Mensch, sondern ein Roboter, im zweiten Fall saß die Künstliche Intelligenz (KI) auf Seiten des Restaurants. Und hätte Google es vorher nicht verraten, kaum jemand wäre drauf gekommen.

Intelligente Systeme

Die Botschaft von Google Duplex, wie das Projekt intern heißt: Schon bald werden monotone Computerstimmen und Auswahlfragen am Telefon der Vergangenheit angehören. Selbstlernende KI-Systeme werden in der Lage sein, die menschliche Kommunikation nachzuahmen und inhaltlich anspruchsvolle Gespräche zu führen. Duplex wird nun testweise in den Google Assistant integriert. Bittet man den virtuellen Assistenten dann zum Beispiel wie in der Demo, einen Friseurtermin zu vereinbaren, sucht er sich selbstständig die Nummer heraus und ruft an.

24-Stunden-Service per Computer

Der wahre Nutzen aber dürfte bei den Unternehmen liegen. Schon heute nehmen Computer Schadenmeldungen bei Versicherern entgegen, bereiten in Anwaltskanzleien Akten vor oder geben – im intelligenten Spiegel versteckt – Schminktipps. Über alle Branchen hinweg macht sich denn auch Euphorie breit: Call Center könnten entlastet, Verkäufe gepusht werden. Auch jedes kleine Reisebüro könnte – vielleicht schon in ein paar Jahren – einen intelligenten und kompetenten 24-Stunden-Service anbieten, so die Vision.

Beispiele

Wie schnell die Künstliche Intelligenz mit der menschlichen gleichzieht, zeigen ein paar Beispiele: Im März hat die Google-Software AlphaGo erstmals den besten menschlichen Go-Spieler besiegt. Mit einer aggressiven Taktik habe das System den Meister Lee Sedol früh in Bedrängnis gebracht, heißt es. Beim Stanford-Lesetest haben im Januar KIs von Microsoft und Alibaba erstmals die menschlichen Teilnehmer knapp geschlagen. Die Aufgabe: zufällig ausgewählte Wikipedia-Beiträge lesen und anschließend Inhaltsfragen beantworten. Bereits 2016 soll IBMs Supercomputer Watson eine Krebspatientin geheilt haben, als die Ärzte ratlos waren. Gefüttert mit 20.000 anderen Fällen, stellte er eine seltene Leukämie fest. Und bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio sollen die rhythmischen Sportgymnastinnen erstmals von einer Künstlichen Intelligenz statt eines Kampfrichters bewertet werden, samt hoheitlicher Entscheidungsbefugnis.

Übersetzen bald nur noch Maschinen?

Zurück zur Sprache: Ein Feld, auf dem die Schlacht recht schnell geschlagen sein könnte, sind Übersetzungen. Das anspruchsvolle Simultandolmetschen wird bislang von Menschen übernommen. Doch schon in wenigen Jahren, erwartet etwa der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, werden dies Künstliche Intelligenzen besser können. Und zwar nicht in drei oder vier, sondern in Hunderten von Sprachen. Wenn er in fünf Jahren wiederkomme, sagte Yogeshwar auf der diesjährigen Cebit dem Fachportal T3N, werde vermutlich ein Algorithmus statt des Dolmetschers die Übersetzung seines Vortrags erledigen. Und wenn wir dank des Simultanübersetzers in der Hosentasche bald mit Menschen auf der ganzen Welt problemlos kommunizieren könnten, werde dies auch unsere Kultur ändern, ist der Experte überzeugt.

Ethische Fragen

Immer häufiger kommt denn auch die Frage auf, was die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz eigentlich mit uns Menschen macht. Neben der Faszination des technisch Machbaren tauchen ethische Fragen auf. Anschaulich wird dies bei den menschenähnlichen Robotern, den „anthropomorphisierten Maschinen“, wie sie im Fachjargon heißen. Mit ihren Kulleraugen oder menschlichen Gesichtszügen, die Freude, Ärger oder Trauer ausdrücken können, wecken sie die Empathie ihres menschlichen Gegenübers. Experimente zeigen, dass Roboter Menschen zum Lügen bewegen können, dass sie selbst lügen können, um sich einen Vorteil zu verschaffen, und dass zwei Künstliche Intelligenzen untereinander sogar eine eigene Sprache entwickeln können, die wir nicht mehr verstehen.
Das klingt auch bedrohlich. Der kürzlich verstorbene Stephen Hawking sah bereits das Ende der Menschheit voraus und Tesla-Chef Elon Musk warnte jüngst vor der „größten Bedrohung für die Menschheit“ – vor allem mit Blick auf autonome Waffen. Die KI-Unternehmen stehen in der Pflicht. Internetgigant Google, der KI ins Zentrum all seiner Entwicklungen stellt, hat gerade ethische Grundsätze veröffentlicht, nach dem Motto: „KI darf nur Gutes unterstützen“ – arbeitet aber dennoch mit dem US-Militär zusammen. Die Deutsche Telekom hat ebenfalls Ethikregeln verkündet, etwa, dass im Zweifel stets ein Mensch den Stecker ziehen kann.

Sophia

Seltsame Blüten treibt das Thema in Saudi-Arabien. Dort wurden dem humanoiden Roboter Sophia die Bürgerrechte verliehen. Doch falls nun Sophia aus einer Laune heraus Allah beleidigen sollte, fragen Spötter, werde dann sie bestraft oder ihr Besitzer?

Sport

Wie auch immer, ein paar Domänen dürften dem Menschen vorerst bleiben. Etwa Fußball, eine Königsdisziplin der KI-Entwickler. Beim alljährlichen Robocup, der WM der Fußball-Roboter, ist es immer wieder ein Vergnügen, die putzigen Droiden unbeholfen und in Zeitlupe dem Ball „hinterherjagen“ zu sehen. Doch wann werden diese erstmals gegen die deutsche Elf antreten? Im Jahr 2062 – das hat eine Studie als Mittelwert aus den Prognosen von 350 führenden KI-Forschern ermittelt – werde die Künstliche Intelligenz „in allem“ besser sein als der Mensch. Also Jungs, zieht euch schon mal warm an.

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