Was Blockchain der Reisebranche bringt

16.08.2017

Eine virtuelle Kette sorgt derzeit für Wirbel: die „Blockchain“, technische Basis der Kryptowährung Bitcoin. Was steckt hinter der Technik, und wie könnte sie die Tourismusbranche verändern?

Der US-Lebensmittelriese Walmart hat kürzlich ein Patent auf ein neues Liefersystem angemeldet. Drohnen sollen Lebensmittel direkt an Kunden liefern, selbstständig und ohne menschliches Zutun. Drohne und Ware erkennen sich automatisch und wickeln die komplette Lieferung autark ab. Möglich macht dieses Zukunftsszenario die Blockchain, eine verkettete Datenbank, die als Basis der Internetwährung Bitcoin 2008 entwickelt wurde. Ihre wesentlichen Vorteile: Manipulationssicherheit und völlige Transparenz.

Sicherheit ohne Ausspähung

Tausende von Unternehmen beschäftigen sich bereits weltweit mit der Blockchain, entwickeln Lösungen für sichere Geldtransfers ohne Banken, für Whatsapp-Alternativen, die ihre Nutzer nicht ausspähen, für die Echtzeit-Verfolgung von Schiffscontainern oder Lebensmitteln oder für den automatisierten Handel von selbst erzeugtem Solarstrom zwischen Privatleuten. Blockchain-Projekte durchziehen praktisch die gesamte Wirtschaft, von IBM und Microsoſt über Großbanken und Energiekonzerne bis zu gut 1.200 Startups, die in kürzester Zeit entstanden sind, allein um Blockchain-Geschäftsmodelle voranzutreiben. „Es ist offensichtlich, dass sich hier etwas entwickelt, das viele Bereiche unseres Lebens nachhaltig verändern wird“, ist Christian Warneck, Head of Research & Development bei Amadeus, überzeugt, „vielleicht ähnlich, wie es das Internet damals getan hat.“ Und so forscht auch Amadeus nach Einsatzszenarien für die neue Technik.

Mysterium Blockchain

Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dem „Mysterium“ Blockchain? Eine anschauliche Erklärung liefert das „Sideways Dictionary“ für IT-Begriffe: Man stelle sich eine Bürgerversammlung vor, bei der zwei oder mehr Teilnehmer mitschreiben und laufend die Aufschriebe der anderen gegenlesen. Nur wenn alle Texte identisch sind, werden die gefassten Beschlüsse gültig. So ähnlich verhält es sich mit der Blockchain.

So funktioniert’s:

Wie bei einer Kette (Chain) werden Datensätze (Blocks) aneinandergehängt, und zwar immer und immer weiter. Diese verschlüsselte Datenbank (Blockchain) liegt auf hunderten oder gar tausenden von Computern (Nodes). Neue Datensätze werden von diesen durch komplexe Rechenprozesse geprüft, erst dann wird ein neuer Block an die Chain angehängt. Diese wird im Laufe ihres Lebens somit immer länger.

Sicherheit ist Bestandteil

Im realen Leben wird auf diese Weise schon länger Geld (Bitcoins und andere Internetwährungen) rund um die Welt geschickt – ganz ohne Banken. Da jede Transaktion in der Blockchain unwiderrufbar, verteilt und öffentlich gespeichert wird, ist ein Mittler, der für Vertrauen oder korrekte Abwicklung sorgt, nicht mehr nötig. Die Sicherheit ist quasi eingebaut, ohne dass sich die Parteien kennen oder vertrauen müssen.

Einsatzszenarien

Und daraus ergeben sich bereits die perfekten Einsatzszenarien: „Geldtransfers, wie sie heute etwa Western Union anbietet, könnten ersetzt werden“, sagt Christian Warneck. Ebenso Grundbucheinträge, Notare als Mittler würden überflüssig. Patente und Urheberrechte könnten effektiv geschützt werden, sogar ganze Verwaltungsapparate ließen sich sicher online betreiben. Estland beispielsweise, Pionier der „digitalen Regierung“, nutzt Blockchain-Technik.

Erste Projekte von Amadeus

Amadeus indes hat für das erste Blockchain-Projekt ein alltägliches Problemfeld ausgewählt: den Gepäcktransport im Flughafen. Trotz erheblicher Verbesserungen gehen im weltweiten Flugverkehr nach Schätzungen jedes Jahr 23 Millionen Koffer verloren, was die Airlines rund 2,4 Milliarden US-Dollar kostet. Mittels Blockchain könnte künftig jeder Koffer von allen Beteiligten – Airlines, Airports und Groundhandlern – in Echtzeit verfolgt werden“, erläutert Guido Haarmann, Managing Director Airlines Central Europe bei Amadeus. Noch bevor ein Flugzeug landet, wüsste man nicht nur, dass ein bestimmter Koffer nicht mitgekommen ist, sondern auch, wo er sich befindet und wer den Transport organisiert.

Koffertracking per Smartphone

„So kann sich der Passagier den Weg zum Gepäckband und zum Lost-Baggage-Schalter sparen“, sagt Haarmann. Stattdessen bekommt er die Information auf sein Smartphone und seinen Koffer nach Angabe der Hoteladresse automatisch dorthin geschickt. Was ein wenig nach Zukunftsmusik klingt, ist bereits recht real. Ein Prototyp ist entwickelt, erste Tests (Flug Nizza-Paris-Los Angeles, Gepäck in München) laufen. Blockchain soll zunächst auf einzelnen Strecken erprobt werden. Theoretisch könnte man zwar auch ein komplettes GDS auf Blockchain-Technik umstellen, sagt Christian Warneck. Doch zielführender sei es, einzelne, prädestinierte Prozesse herauszunehmen. Zumal gerade bei Amadeus die Prozesse rund um den Datenverkehr tief integriert sind.

Goldgräberstimmung

Welche „Datenketten“ bei Amadeus für Blockchain geeignet sein könnten, damit beschäftigt sich Amadeus intensiv. Bei Amadeus in Deutschland beispielsweise schaut sich das Team von Christian Warneck unter anderem Loyality-Programme an, die sich ohne großen Aufwand auch im kleinen Rahmen, etwa für Reisebüro-Ketten, aufsetzen ließen, oder auch die automatisierte Abrechnung von Hotel- und Mietwagen-Voucher und die Vertragsbeziehungen zwischen Veranstaltern und Reisebüros.

BSP-Abrechnung auf der Blockchain?

„Irgendwann könnte sogar die BSP-Abrechnung auf der Blockchain erfolgen“, kann sich das Team vorstellen und steht gemeinsam mit weltweiten arbeitenden Kollegen in den Startlöchern, um verschiedene Ansätze auszuprobieren. Experten erwarten, dass der jetzigen Euphorie und Goldgräberstimmung zunächst eine gewisse Ernüchterung folgen wird, weil sich nicht alle Träume in der Blockchain umsetzen lassen. Die Technologie wird aber um 2025 herum in unserem Alltag allgegenwärtig sein. Bislang sei die Blockchain erst einmal ein „Möglichmacher“ – vergleichbar dem TCP/IP-Protokoll, welches das Internet überhaupt erst ermöglicht hat.

Lesetipp

Blog Post von Christian Warneck „Blockchain – zukunftsweisende Verkettungen“

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