Reisebegleitung per Hologramm

17.05.2019  /  3 Minuten Lesezeit

Vision: Smart Devices, Künstliche Intelligenz, Datenträume. Wie der Reisevertrieb auch in Zukunft seine Kreativität einbringen kann – diese Frage lässt Freiraum für Prognosen, Ideen, Gedankenspielereien und abgedrehte Fantasien.

Florian Springer reist viel – vor allem beruflich. Regelmäßig fliegt er zu den Niederlassungen seiner Firma nach Asien und Südamerika. Die Trips gleichen sich, nur die Flugstrecken variieren, je nachdem, welcher der Airline-Konzerne das besser passende Service-Paket bietet. Hoch entwickelte Algorithmen filtern das richtige Service-Set für ihn heraus. Doch nun plant Springer eine Reise mit ehemaligen Studienkollegen, etwas Besonderes. Dafür sucht er einen kreativen Kopf. Dieses Mal will er nicht auf den Sprach-Bot zurückgreifen, der mithilfe Künstlicher Intelligenz die NDC-Angebotsdaten der Fluggesellschaften in Windeseile durchforstet und mit Springers Präferenzen abgleicht. Die Standards langweilen ihn. Selbst die Sitze in den Flugzeugen fühlen sich immer gleich an, weil seine Körpermaße im Profil hinterlegt sind und die Biomorphing-Sessel in den Jets automatisch angepasst werden.

Reiseberatung per Hologramm

Und sogar seinen Rhythmus von Arbeiten und Pausen, seine bevorzugten Getränke und Speisen, die Lichtumgebung, das Informationsangebot und seinen Musikgeschmack haben die KI-Maschinen gelernt und in seinem Profil hinterlegt. Bequemlichkeit bis zum Anschlag. Springer ruft die Reisedaten vom vergangenen Jahr auf, als er mit seinen Geschwistern und deren Familien einen schönen Urlaub verbracht hat. Seine Schwester Maxine hatte einen Reisecoach engagiert, der einen besonderen Urlaub mit vielen Überraschungen kreiert hatte. Er legt sein Smartphone auf den Tisch und ruft an. Nach einem kurzen Moment baut sich das Hologramm von Kerstin Spüry vor ihm auf und er weiß, sein eigenes Hologramm steht auch vor Spüry in deren Büro. Sie erkennen sich wieder vom vergangenen Jahr, als sich seine Schwester während der Reise mehrfach mit Spüry beraten hat. Spüry hat sich in die Interessen und wechselnden Gefühlslagen der Familienmitglieder hineingedacht und aus dem Datendschungel im Reisereservierungssystem fabelhafte Ideen herausgefiltert. Mal hat sie Events für alle organisiert, mal kleine Gruppen nach kulturellen oder sportlichen Interessen auf Tour geschickt. Immer wieder brachte sie Ideen ins Gespräch, nach denen die Familienmitglieder nicht einmal gefragt hätten.

Mensch und KI im Wettbewerb

Zwischen 1997, als der IBM-Schachcomputer Deep Blue den Schachweltmeister Garri Kasparow und 2017, als das Google-Programm AlphaGo den weltbesten Go-Spieler Ke Jie besiegte, hat die Künstliche Intelligenz enorme Fortschritte erzielt. Entsprechende Algorithmen wurden für viele Anwendungsbereiche programmiert und durch Machine Learning trainiert. So analysiert Amadeus Kundenverhalten und Buchungstrends, um Reiseanbieter und den Vertrieb zu unterstützen. Die Tochtergesellschaft Travel Audience untersucht Millionen Datenpunkte, damit die richtigen Angebote und die richtige Werbung für Reisen platziert werden können.

Hochdimensionale Kundenprofile

In der modernen Welt entwickelt sich ein Wettbewerb zwischen leistungsfähiger Künstlicher Intelligenz einerseits und menschlicher Kreativität und persönlicher Interaktion andererseits. „Ihre Stärke spielt die Artificial Intelligence dort aus, wo Daten massenhaft und abstrakt vorkommen. Menschen können hochdimensionale Kundenprofile nur schwer interpretieren, doch eine AI erkennt darin genauso gut Muster wie wir auf Bildern“, erklärt Jannes Jegminat, Neurophysiker an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Er erforscht die Mechanismen, mit denen sich das menschliche Gehirn selbst umprogrammiert, um sich veränderten Anforderungen anzupassen. Die Milliarden Synapsen im Gehirn sind damit sehr viel flexibler als lernende Algorithmen.

Grenzen Künstlicher Intelligenz

Der Forscher verweist auf zwei der Grenzen von Künstlicher Intelligenz. Erstens „lernen AI-Systeme aus Daten, weshalb sich die Verteilung hinter diesen Daten nicht ändern darf“. Zweitens müsse der Kontext eingeschränkt bleiben. Jegminat illustriert diesen Punkt mit einem einfachen Beispiel aus der menschlichen Kommunikation: „Sagt jemand ‚Das Fenster ist auf’, kann der Satz unterschiedliche Botschaften transportieren.“ Es könne bedeuten „Mir ist kalt“ oder „Mach das Fenster zu“ oder „Stoß dir nicht den Kopf“.

Kunden setzen auf Ideenreichtum

Zwar nutzten KI-Systeme vermehrt sogenannte Entscheidungsbäume, um sich der menschlichen Kommunikation anzunähern, „vorerst werden wir ihnen aber nur in eng eingegrenzten Standardgesprächen begegnen“, sagt der Forscher. Im wandelbaren Kontext, also im alltäglichen Leben, sei der Mensch heutigen AI-Systemen weit überlegen.

Auf den Ideenreichtum von Kerstin Spüry setzt auch Springer. Sie diskutieren die Konstellation seiner Studienfreunde, Vorlieben und Abneigungen in Bezug auf Länder und Aktivitäten. Spry fühlt ihren Klienten die Lust auf diesen Trip ab. Dann stellt sie komplexe Anfragen an ihr Reiseinformationssystem, die sie als Fachfrau für Datenmanagement erweisen. Springer erkennt die Unterschiede zu dem AI-System, das er üblicherweise verwendet. Dann schaltet Spüry die Hologramm-Anzeige um. Nun sieht Springer eine Landschaft, einen Ort, ein Café, eine bewaldete Schlucht. Und ist mitten in der Reiseplanung.

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