Nix Detox

26.11.2019  /  3 Minuten Lesezeit
Autor:
Stefan Becker

Amadeus Blog: Ist digitale Abstinenz eine sinnvolle Kur gegen die digitale Überflutung? Stefan Becker findet das überhaupt nicht.

Mein Mobiltelefon hat ein paar Tage lang nicht funktioniert. Da ich genau ein Mobiltelefon besitze, war ich komplett offline, sobald ich mich mehr als eine Armlänge vom  PC entfernte. Keine SMS-Nachrichten, keine E-Mails, kein schneller Besuch auf einer Nachrichtenseite in der Warteschlange, kein „Shazam“, wenn in der Gaststätte ein gutes Lied lief, kein Kalender.

Es war wie früher. Die Arbeit begann mit dem Betreten des Büros. Wer etwas von mir wollte, musste mich auf dem Festnetz anrufen. Meine Termine hatte ich im Kopf zu behalten. Abends und am Wochenende erreichte mich das Weltgeschehen über Nachrichtensendungen, über die gute alte Tageszeitung, oder wenn ein Mitpassagier in der S-Bahn seine Genugtuung durch den Waggon rief: „Sie haben Kovac gefeuert!“

Schön und weniger schön

Das war einige Tage erzwungenes Digital Detox. Es war schön. Und es war weniger schön.

  • Schön: Natürlich ist es entspannter, das ganze Wochenende über garantiert keine Dienst-E-Mails zu bekommen. Weniger schön: Am Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit schleicht sich die leichte Sorge ein, was wohl im Postfach warten mag. Ich wäre gern innerlich vorbereitet.
  • Schön: Auf der ewig langen Rolltreppe im Einkaufszentrum „MyZeil“ mal wieder in der Gegend herumgucken, statt die zwei Minuten unbedingt nutzen zu wollen. Weniger schön: Nicht googeln können, von wem das Lied „Consider This“ stammt, das seit dem Vorabend im Kopf herumspukt (es ist von Marit Larsen).
  • Schön: Der Kalender jagt mir keinen Schrecken ein, weil er mich an Termine erinnert, die nicht für mich gelten. Weniger schön: Wohin mit dem Zahnarzttermin Ende Januar 2020? Kann ich mir den so lange merken?

Und so weiter. Ich habe gelernt: Digital Detox ist kein Wert an sich. Digitale Dienste sind nun einmal verdammt nützlich, und Nachrichtenlesen auf der Rolltreppe macht auch einfach Spaß.

Die Dosis macht das Detox

Was ist also davon zu halten, dass das Hotel „Bellora“ im schwedischen Göteborg seinen Gästen das Zimmer umso günstiger gibt, je weniger mobile Endgeräte darin funken? Das ist ein schöner Marketing-Gag, mehr nicht. An der modernen Lebenswelt geht das vorbei. Gerade in einer fremden Stadt helfen digitale Karten, digitale Führer und die guten Apps von Amadeus dabei, den Aufenthalt auf einfachste Weise so prall und persönlich wie möglich zu gestalten.

Auch Listen mit „Digital-Detox-Hotels“, wie sie die Zeitschrift „Cosmopolitan“ liefert, sind mehr oder weniger sinnlos. Während des Zukunftstags 2019 von American Express Global Business Travel hat Dr. Volker Busch, Privatdozent für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitär Regensburg, etwas sehr Kluges gesagt: Es bringe nichts, 48 Wochen im Jahr das volle digitale Programm zu fahren und dann zu hoffen, vier Wochen „Digital Detox“ brächten die Jahresbilanz in die Balance.

„Detox“ heißt „Entgiftung“. Mit dem Digitalen ist es wie mit allem: Die Dosis macht das Gift. Offensichtlich müssen wir noch lernen, wo die Grenze liegt. „Wir sind aus der Geschichte stete Steigerungen gewohnt“, fügte Volker Busch damals hinzu. „Jetzt müssen wir zum ersten Mal etwas reduzieren. Das ist die Emanzipation.“

Wenn also …

  • die südkoreanische Stadt Ilsan ein Warnsystem installiert, das mit farbigen Leuchtdioden im Gehweg diejenigen vor Unfällen schützen soll, die auch während des Gehens aufs Smartphones schauen;
  • … die oberbayrische Gemeinde Krün den Ansturm der Instagrammer auf Barmsee und Geroldsee mit Schildern regulieren will ––

–– dann sind das sicher im Einzelfall sinnvolle Maßnahmen. Sie zeigen aber vor allem eins: Die Menschheit geht noch nicht souverän mit digitaler Technik um. Sie hat sich, um mit Volker Busch zu sprechen, noch nicht emanzipiert.

Für mich ist das kein Grund, auf das Digitale zu verzichten. Auch nicht zeitweise, ob freiwillig oder nicht. Her mit meinem Mobiltelefon! Dass ich nur eines besitze, ist doch ein Schritt in die richtige Richtung.

Über den Autor

Stefan Becker ist gelernter Journalist und war bis zur ihrer Schließung Redakteur der Zeitschrift „Touristik Report“. Mehr als zehn Jahre arbeitete er in der externen Pressestelle von Amadeus bei XSP…
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