Nicht auf dem Schirm oder unter dem Radar

21.09.2017  /  3 Minuten Lesezeit
Autor:
Beate Zwermann

Amadeus Blog: Wenn die Fluglotsen ein Flugzeug nicht auf dem Schirm haben, droht Gefahr. Ist das auch so, wenn Politiker die Reisebranche nicht auf dem Schirm haben? Was droht dann? Im aktuellen, politischen Forderungskatalog des Geschäftsreiseverbandes VDR an die Politik stehen viele Dinge, die schon lange im Gespräch sind. Offenbar finden sie bisher kein Gehör.

„183 Millionen Mal ordneten deutsche Unternehmen im Jahr 2016 eine Dienstreise an. Sie gaben dafür 51,6 Milliarden Euro aus. Geschäftsreisende müssen in Deutschland unbedingt als Wirtschaftsfaktor erkannt werden“, sagt Dirk Gerdom, Präsident des VDR, im Vorwort zum Forderungskatalog. Im Umkehrschluss heißt das: Sie werden bisher nicht als Wirtschaftsfaktor gesehen. Und auch der Aspekt, dass ihre Mobilität nicht nur Jobs in Unternehmen und der Geschäftsreisebranche selbst, sondern auch bei Dienstleistern wie Hotels und Restaurants und dem ortsansässigen Einzelhandel sichert, scheint die Politik bisher nicht zu interessieren.

Andererseits bereitet die Politik den Geschäftsreisenden und der Reisebranche insgesamt immer mehr Probleme. Selbst der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel nutzt sie als Trumpfkarte für Drohungen in Richtung des türkischen Präsidenten Erdogan. Es gibt Momente, da frage ich mich, wie lange kann man überhaupt noch frei und unbeschwert reisen? Wann wird der Open Sky zur Illusion, die Visaauflagen zu unüberwindlichen Hürden?

Eine aktuelle Studie von Amadeus geht diesen Fragen nach

„What if? – Was wäre, wenn?“ beschreibt vier Szenarien, in denen sich viele meiner Gedanken und Befürchtungen wiederfinden. Am schlimmsten ist es morgens, wenn ich auf Spiegel Online einmal kurz die Weltlage querlese: Trump, Jong-un & Co & Erdogan sprechen für das finstere Szenario 3 der Studie, benannt nach dem Maler Hieronymus Bosch. Nationalismus und wirtschaftliche Rezession bereiten den Nährboden für Protektionismus und Misstrauen. Schotten dicht.

Angst und Bange wird mir auch, wenn ich über den Vormarsch von Airbnb, Booking.com und Ryanair nachdenke. Dieses Szenario heißt in der Studie Warhol: Standardisierung und Kommerzialisierung greifen immer mehr um sich. Reisen sind nur noch Massenmarkt. Niedrigpreis- und Sharing-Plattformen haben ausreichend Angebote für die limitierte Nachfrage an individuell zusammengestellten Reisepaketen. Billigflieger nehmen eine marktbeherrschende Stellung ein.

Wenn das so kommt, muss ein Drittel der Weltbevölkerung erst mal auf Diät, sonst passen sie nicht in die engen Sitzplätze und -reihen. Aber selbst Schuld. Wer nicht bereit ist, für Komfort zu bezahlen, landet eben in der Sardinenbüchse. Künftige Generationen müssen unseren Geiz leider ausbaden.

Mein Lieblingsszenario heißt Dalí – weil es schon fast ein bisschen surreal klingt, wenn man an folgende Entwicklungen glaubt: Die Wirtschaft befindet sich im Aufschwung. Die gesellschaftliche Stimmung entwickelt sich zugunsten des Datenaustauschs. Datenschutzvorschriften und -bestimmungen werden entspannter. Das Internet der Dinge vernetzt die Welt noch enger, und künstliche Intelligenz nutzt die riesigen Mengen verfügbarer Daten, um Urlaubsvorschläge anzustoßen. Die Zusammenarbeit macht die Reisebranche effizienter, optimiert Preisfindung und Belegung und ermöglicht zum Beispiel Umleitungen, falls schlechtes Wetter oder Staus auftreten. Dadurch werden Reisen kostengünstiger, sicherer und effizienter. Individuell zusammengestellte Reisen stehen hoch im Kurs.

Für Reisende sind das gute Neuigkeiten: Es gibt weniger Sicherheitskontrollen, und Zielgebiets-Content wird auf den persönlichen Geschmack zugeschnitten. Für IT-Firmen wiederum ist es ein zweischneidiges Schwert: Einerseits versiegen manche Einnahmequellen, andererseits können neue geschaffen werden – zum Beispiel durch neue Online-Plattformen, die die gesamte Branche vernetzen. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass klassische wie auch Online-Reisebüros durch diese Faktoren Geschäft verlieren werden.

Bestimmt stimmen Sie mir zu: Dalí ist in anbetracht dessen, was wir täglich politisch und wirtschaftlich verdauen müssen, mehr als unwahrscheinlich.

Und was macht der DRV?

Vor dem Hintergrund dieser großen Weltthemen enthalten die Wahlprüfsteine des DRV sehr viel Altbekanntes und erstaunlich Bodenständiges und Lokales. Ob Pauschalreiserichtlinie, Gewerbesteuerthematik, Sonn- und Feiertagsarbeit oder Ausbildungschancen – all das ist ja nichts Neues.

Sollte der DRV nicht von Politikern fordern, sich mit privaten Reiseempfehlungen außerhalb der Reisewarnung zurückzuhalten? Sind die Digitalisierung und globale Plattform-Technologien keine Themen für die Wahlprüfsteine des DRV? Hat man Sharing-Economy durchgewunken oder überlässt man das anderen?

Die Parteien haben auf die Wahlprüfsteine geantwortet. Das erstaunliche Ergebnis: Wer die Themen der Reisebranche voranbringen will, sollte FDP wählen.

“What if – Was wäre, wenn?” In diesen Tagen ist das eine wichtige Frage.

Über den Autor

Beate Zwermann ist seit 2007 als externe Pressesprecherin für Amadeus Germany, die Amadeus IT Group Madrid und seit 2013 auch für Traveltainment unterwegs. Die gelernte Journalistin bringt es auf 25…
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