Museum in der Hosentasche

21.03.2019  /  4 Minuten Lesezeit
Autor:
Sascha Nau

Amadeus Blog: Botticelli auf dem Smartphone – kostenlos und in gestochen scharfer Qualität. Warum digitalisierte Kunst die Zukunft ist und echte Museen niemals verdrängen wird, erklärt Sascha Nau.

Erinnern Sie sich an Pokémon Go? Ganz Deutschland war im Augmented-Reality-Fieber. Wer sein Smartphone oder Tablet zückte, konnte in der realen Welt um sich herum kleine Monster suchen und fangen – sichtbar nur auf dem eigenen Display. Jetzt wird es ernster, denn es geht um die Digitalisierung von Hochkultur, von Kunst und Musik. Das eröffnet Menschen, die sonst eher einen Bogen um Museen und Konzertsäle machen, neue Welten. Aber auch wer Kunstausstellungen bereits liebt, erlebt seine Lieblingskünstler in einem völlig neuen Kontext. Einfach vom heimischen Sessel aus Werke von Weltrang genießen: die Digitalisierung der Kunst macht es möglich.

Zugang zu 6000 Ausstellungen weltweit

Die kostenlose App Google Arts & Culture ist erhältlich für Android- und iOS-Geräte. Mit ihr erhalten Sie Zugang zu 6000 Ausstellungen und 1500 Museen weltweit. Gemälde, Skulpturen oder sogar Konzerte werden virtuell verfügbar. Beispiel: Die Werke von Vermeer gehören zu den kostbarsten Gemälden der Welt. Vermeer hat in seinem Leben nur 36 Bilder gemalt, der durchschnittliche Wert eines Bildes liegt bei 200 Millionen US-Dollar. Die Meisterwerke sind auf 17 Kunstsammlungen in sieben Ländern verstreut. Noch niemand konnte alle Werke des Künstlers an einem Ort bestaunen – jetzt ist das möglich. Und dafür müssen Sie sich keinen Meter bewegen.

Mit der Nase direkt an die Leinwand – in der App erlaubt

Google Arts & Culture hat alle bekannten Werke von Vermeer in einer virtuellen Sammlung zusammengefasst und eine Pocket Gallery geschaffen: Sozusagen eine virtuell begehbare Kunstaustellung für die Hosentasche. Bei der Digitalisierung hat Google die eigens für Kunstwerke entwickelte Roboterkamera „Art Camera“ eingesetzt, mit ultrahoher Auflösung. Alle Bilder in der digitalen Sammlung sind in Lebensgröße und perfekt ausgeleuchtet. Je näher der User an die Bilder „herantritt“, desto genauer können die Details bestaunt werden. Wer im realen Museum so nahe an ein Bild kommt, verursacht schrill einsetzende Alarmtöne.

Die besten Maler der Welt per WLAN

Auf ähnliche Art zeigt die App Werke des Munch Museums in Oslo oder 321 Gemälde von Paul Gauguin. Die besten Maler der Welt kommen so per WLAN aufs Smartphone. Ach ja: Google empfiehlt, die App der enormen Datenmengen wegen nur in stabilen, schnellen WLAN-Anbindungen zu nutzen.

Zur Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie verschickte Google Arts & Culture kostenlos Pappbrillen. Das erste Konzert wurde auf Googles Tochterplattform Youtube übertragen: Mit Hilfe der Brille konnten die Nutzer die Eröffnung in 360 Grad und Virtual Reality erfahren.

Prestige-Transfer für Tech-Konzerne

Aber warum kümmern sich Technologie-Konzerne wie Google um Museen, Kunst- oder Konzerthallen? Der Suchmaschinen-Riese verfolgt nach eigener Aussage keine wirtschaftlichen Interessen mit der Anwendung. Da Google-Mitarbeiter 20 Prozent ihrer Arbeitszeit eigenen Projekten widmen durften, ist Google Arts & Culture angeblich aus Liebhaberei entstanden – und wurde dann ausgebaut. Das Handelsblatt zitiert dazu David Goodman, Executive Vice President beim traditionsreichen Auktionshaus Sotheby’s und zuständig für digitale Entwicklung und Marketing: „Die Konzerne profitieren vom Image der Kunstwelt und schaffen so Prestige für ihre Marke.“ Aber auch für die andere Seite würden solche Kooperationen durchaus Vorteile bringen, so Goodman: „Technologie schafft neue Kanäle und ein völlig neues Publikum, das vorher vielleicht gar nicht erreichbar war.“

Dank virtueller Darstellung steigen reale Besucherzahlen

Das Interessante ist: Kultur-Manager, die mit Google zusammenarbeiten, berichten nicht etwa über nachlassendes Interesse an ihren Einrichtungen, weil die Kunst ja so eindrücklich auf dem Display daheim erscheint. Im Gegenteil: Viele User, die mit Kunstwerken im Wohnzimmer vertraut werden und sich vielleicht sogar ein bisschen in das Eine oder Andere verlieben, wollen es in Natura sehen. Weswegen oftmals Besucherzahlen sogar steigen – dank Google sozusagen. Außerdem findet die App Museen und Ausstellungen in der Nähe und verführt so, Kunst im Original zu bestaunen, an Orten, deren Existenz in vielen Fällen nicht bekannt war.

Wo hängt Ihr Doppelgänger?

Im September haben die Google-Macher ihrer App ein neues, interessantes Feature hinzugefügt. Denn ob Sie es wussten oder nicht, viele Menschen haben in den Museen dieser Welt einen Doppelgänger. Einfach ein Selfie machen und schon zeigt die App mehrere Portraits künstlerischer Doppelgänger und liefert Information, wer der Künstler war und wo das Werk hängt – inklusive prozentualer Rate der Übereinstimmung zwischen Gemälde und Selfie-Foto. Das Ganze funktioniert mit Hilfe komplexer Algorithmen und maschinellem Lernen. Seitdem die Doppelgänger-Funktion freigeschaltet ist, schnellten die Nutzerzahlen von Arts & Culture sprunghaft nach oben, berichtet ein Sprecher von Google Deutschland. Ich vermute, das liegt daran, dass es für so manchen Lacher sorgt.

Ich zum Beispiel sehe Philippe le Roy, Lord of Ravels (hier dargestellt in einer Radierung von Paul Pontius) zum Verwechseln ähnlich. Und Sie? Finden Sie es heraus: hier geht’s zur App für Android und iOS

Bildquelle: Google Arts & Culture

 

Über den Autor

Sascha Nau ist seit 2011 bei Amadeus und mittlerweile Head of Marketing & Communication Northern, Eastern, Central & Southern Europe, Retail Travel Channels bei Amadeus. Er arbeitete nach seiner Ausbildung…
Mehr über den Autor

Schreiben Sie einen Kommentar