Mobile Payment oder: Die ewige Ruhe vor dem Sturm

29.10.2015  /  3 Minuten Lesezeit
Autor:
Bernd Schulz

Amadeus Blog: Fast fühlt man sich in Deutschland ein bisschen wie im gallischen Dorf von Asterix und Obelix – und das sage ich nicht, weil gerade ein neuer Band über die Comic-Helden erschienen ist, der sich auch der Medienindustrie widmet.

Ich sage das, weil in zahlreichen Ländern um uns herum der Sturm um Mobile Payment tobt, während deutsche Verbraucher noch immer eine Bastion der Bar- und EC-Kartenzahler sind. Bezahlen per App (wie etwa bei MyTaxi) oder über mobile Bezahlsysteme (wie etwa PayPal oder MyWallet von der Telekom) ist nur bei den allerwenigsten Deutschen ein Thema.

Laut einer Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC) gab es in Deutschland 2014 nur rund 176.000 potentielle Nutzer von mobilen Bezahlsystemen. Und tatsächlich wurden 2014 offenbar derart wenige Zahlungen per Smartphone getätigt, dass sie in einer offiziellen Statistik der Deutschen Bundesbank über Zahlungsinstrumente auf einen Anteil von unter 0,1 Prozent kommen. Hingegen wurden 53,2 Prozent aller Zahlungen im vergangenen Jahr in Bar getätigt, 29,4 Prozent per EC-Karte und 3,9 Prozent per Kreditkarte.

Bleibt in Deutschland also auch künftig alles wie es ist? Ich glaube nicht. In den USA liefern sich Apple Pay und Google Android Pay bereits ein heißes Rennen um die mobile Zahlkundschaft. Wann genau beide Systeme nach Deutschland kommen, steht zwar noch nicht fest. Dass sie kommen, dürfte aber sicher sein. Und spätestens dann könnte auch bei uns der Mobile Payment-Knoten platzen. Die bereits erwähnte PwC-Studie jedenfalls geht davon aus, dass die Zahl potenzieller Nutzer von mobilen Bezahlsystemen in Deutschland bis zum Jahr 2020 auf über elf Millionen wachsen wird (siehe Grafik).

Und der Handel reagiert bereits. Als einer der ersten ganz Großen hat vor wenigen Monaten Aldi Nord in allen 2400 Filialen bargeldloses Bezahlen per Near Field Technologie (NFC) eingeführt. Seither können Kunden ihre Einkäufe bei dem Discounter auch mit NFC-fähigen Kreditkarten oder mit NFC-fähigen Smartphones und entsprechender „Wallet App“ bezahlen. Für mich ist das Aldi-Investment ein sehr deutlicher Hinweis, dass Mobile Payment auch in Deutschland kurz vor dem Durchbruch steht und neben dem klassischen Handel sehr schnell weitere Branchen erfassen wird. Für den Geschäftsreisemarkt etwa gehe ich fest davon aus, dass Mobile Payment bald schon ein breit akzeptiertes – und vom Kunden eingefordertes – Bezahlsystem sein wird.

Doch welche konkreten Bezahlsysteme werden das Rennen machen? Auf wen sollten touristische Mittler und Leistungsträger setzen? Nur weil die Internet-Riesen Apple und Google mit ihrer Marktmacht das Thema künftig massiv in die Köpfe der Verbraucher spülen, heißt das ja nicht, dass sie bei den Deutschen auch Anbieter erster Wahl sein werden. Immerhin gibt es auch heute schon jede Menge anderer Anbieter in Deutschland. Eine Benchmark-Studie von How2Pay und Mücke, Sturm & Company hat vor kurzem allein 15 verschiedene Systeme untersucht.

Nun bin auch ich kein Prophet. Ob und welche Bezahldienste sich konkret am deutschen Markt durchsetzen werden, weiß ich nicht. Klar aber scheint, dass – sobald der Markt in Bewegung gerät – auch eine Konsolidierung stattfinden wird. Ich teile deshalb die Ansicht jener Experten, die davon ausgehen, dass letztlich nur drei bis vier Anbieter klassischer mobiler Bezahlsysteme am Markt übrig bleiben werden.

Hinzu kommt: Aktuellen Studien zufolge werden Anbieter-Bezahl-Apps im Vergleich zu reinen Bezahlsystemen hierzulande immer beliebter. Das heißt die Nutzung von Service-Apps mit integrierter mobiler Bezahlfunktion wie etwa MyTaxi, DB Navigator oder RMV Handyticket wächst momentan schneller, als die klassischer mobiler Bezahlsysteme wie MyWallet, PayPal oder Yapital. Ein ziemlich offensichtlicher Trend. In ihrer Benchmark-Studie schreiben How2Pay und Mücke, Sturm & Company: „Das Bild hat sich binnen eines Jahres umgekehrt.“

Für die Touristik ist das meiner Meinung nach eine sehr interessante Entwicklung. Schließlich bietet gerade unsere Branche zahlreiche Segmente, vom Transport bis zur Hotellerie, für die eine Integration von Bezahlfunktionen in die Apps Sinn macht. Das hilft nicht nur Prozesse zu optimieren, sondern ist natürlich auch ein hervorragendes Kundenbindungsinstrument. Denkbar sind in diesem Kontext auch anbieterübergreifende Lösungen, also beispielsweise Bezahl-Apps für Hotelverbünde oder Vertriebsketten.

Der zweite Trend, der sich bereits heute abzeichnet, ist der Wunsch der Deutschen nach einem klaren Mehrwert. Mit anderen Worten: Das Volk der Bar- und EC-Kartenzahler braucht zusätzliche Anreize, um sich mit der digitalen Geldbörse anzufreunden.Und das geht am besten mit Rabatten, Coupons und anderen monetären Verlockungen. Viele Experten rechnen deshalb damit, dass Payback zu den künftigen Gewinnern im Rennen um mobile Bezahlsysteme zählen wird. Die Smartphone-Bezahl-App des Kundenkartenanbieters soll im nächsten Jahr auf den Markt kommen, das Bezahlen mit der App soll dann an das Rabattsystem von Payback gekoppelt werden. Auch das wäre für unsere Branche sicher eine gute Nachricht. Schließlich arbeiten bereits heute viele Touristikanbieter mit Payback zusammen.

Über den Autor

Bernd Schulz verantwortete bis Dezember 2016 als Geschäftsführer für Amadeus Germany die Märkte Deutschland, Österreich & Schweiz. Er war zuvor in diversen Funktionen im In- und Ausland in der Touristik…
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