London Stansted – All about Money

25.06.2018  /  3 Minuten Lesezeit
Autor:
Beate Zwermann

Amadeus Blog: Seit Ryanair auch vom Flughafen Frankfurt am Main fliegt – und nicht mehr nur von Frankfurt-Hahn – ist die Low-Cost-Flugwelt endgültig in etablierten Großflughäfen angekommen. Allerdings verschwindet sie diesseits der Nordsee noch in bekannten gediegenen Flughafen-Ambientes. Im Norden Londons allerdings gibt es bereits einen Low-Cost-Flughafen in Reinkultur. Was sind die Unterschiede? Wie fühlt sich das an? Was könnten die hiesigen etablierten Flughafenbetreiber von London Stansted lernen? Ein Erlebnisbericht.

1,3 Millionen Pfund bezahlt das Taxiunternehmen mit dem kreativen Namen 24/7 an den Flughafenbetreiber von London Stansted für die Exklusivrechte im Taxibetrieb des Flughafens*. Öffentliche Taxis findet man dort keine. Dementsprechend gesalzen sind die Preise: Für fünf Kilometer habe ich 18 Pfund bezahlt.  Wer mit dem eigenen PKW zum Flughafen fährt, bezahlt pro Vorfahrt am Terminal 3,60 Pfund, kostenlose Parkplätze gibt es nicht.

Der gesamte Flughafen ist eine „Goldesel-Maschine“, alles ist auf Masse ausgelegt, jeder Schritt der Reisenden im Terminal wird zum Geldverdienen genutzt. Besonders beliebt sind Fast-Track- oder Priority-Tickets, mit denen man sich überall von Wartezeiten freikaufen kann. An den Wartepunkten wird man mit weiteren Angeboten visuell und sprachlich überschüttet.

Überall blinkt und lockt es, alles ist vermeintlich „the best deal“. Einkaufsautomaten sind omnipräsent. Wer die überaus effizente Sicherheitskontrolle geschafft hat, wird erst mal auf eine riesige, gefühlt 200 Meter lange Einkaufspassage geschickt. Die Abfluggates gibt der Flughafenbetreiber immer erst ca. 30 Minuten vor Abflug bekannt. Das stellt sicher, dass die Reisenden maximal lang im Shopping- und Verzehrparadies verweilen. Die Schaufenstertour beginnt mit den teuren Duty-Free-Markenprodukten und geht dann Stück für Stück über in Billigware. Am Ende öffnet sich der Weg in einen riesigen Wartesaal mit Gourmet- und Fastfoodtempeln. Riesige Regale mit in Plastik verpackten Sandwiches füllen Wände vom Boden bis zur Decke.

(Foto: Meal Deal Flughafen Stansted)

Insbesondere die Duty-Free-Markenware passt wohl kaum auf das Publikum. Die Verkäuferinnen sind wenig beschäftigt. Anzugträger mit Köfferchen sind hier Außerirdische. Wir befinden uns in der Parallelwelt der vermeintlich Billig-Reisenden. Doch auch sie erscheinen auf ihre Weise uniform: Zieht doch fast jeder einen Minikoffer hinter sich her. Die wenigsten geben große Koffer ab – die Fluggesellschaften haben sie gemäß ihrer Gepäckregeln und -tarife erzogen.

Die digitale Welt hat alle Reisenden an diesem Morgen am Flughafen Stansted fest im Griff. Die meisten sind zugestöpselt und mit dem Smartphone beschäftigt. Im Flughafen gibt es keinen einzigen Buchladen mehr.

Der Flughafen Stansted ist vor allem eins: effizient. Hier fährt man Bus oder Bahn. Vor dem Terminal befindet sich deshalb ein großer Busbahnhof und die perfekte Bahnanbindung nach London-City ist zwei Stockwerke tiefer anzutreffen.

Die Reisenden werden zur Sauberkeit erzogen. Es gibt überall Mülleimer, keine Papierhandtücher in den Toiletten,  kaum Zeitungen auf den Wartesitzen.

Tja und dann kommt man zum Flugzeug. Über eine wackelige flugzeugeigene Treppe, die die Flugbegleiter vor Abflug einklappen werden, gelangt man an Bord. Modern ist das nicht.

Das Platzangebot und die Beinfreiheit an Bord sind mit vielen klassischen Airlines vergleichbar gering. Als wohltuend empfinde ich, dass der Sitz nicht zurücklehnbar ist. Es gibt weder ein Zeitungsnetz noch Spucktüten. Die Sicherheitshinweise und die Speisekarte für den Bordverkauf befinden sich in Augenhöhe auf den Kopfstützen des Vordersitzes. Und klar, ohne noch mehr Werbung geht es nicht: Die Gepäckfächer werben für einen Portugalurlaub. Nur die Toiletten sind an Bord noch unangetastet. Da war doch schon mal was, oder?

Fliegen Sie mal über London Stansted in die Welt. Es ist ein Erlebnis. Gerne bin ich nach Frankfurt zurückgekehrt. Dort parkte die Ryanair-Maschine übrigens auf der Seite des neuen Terminals. Eine Flughafenrundfahrt war uns sicher. Schöne billige Welt.

 

*Angaben des Taxifahrers

Über den Autor

Beate Zwermann ist seit 2007 als externe Pressesprecherin für Amadeus Germany, die Amadeus IT Group Madrid und seit 2013 auch für Traveltainment unterwegs. Die gelernte Journalistin bringt es auf 25…
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