Liebe Bitkom!

22.12.2015  /  3 Minuten Lesezeit
Autor:
Dr. Oliver Rengelshausen

Amadeus Blog: Das ist schon ein beeindruckendes Zeugnis, dass Sie der Reisebranche da ausstellen. In der Studie „Digitalisierung der Wirtschaft“ sagen 35 Prozent der befragten Touristiker, es gebe in ihrem Unternehmen keine Digitalstrategie, 32 Prozent sogar, ihr Unternehmen habe Probleme, die Digitalisierung zu bewältigen. Die Studie, die sich mit fünf Branchen beschäftigt, ist Ihrer Aussage nach für alle fünf repräsentativ, also auch für die Touristik.

Dieses Ergebnis hat mich zunächst sehr gewundert. Die Touristik hat eigentlich keinen Grund zu solch einer Selbstbezichtigung. Sie ist durchdrungen vom Digitalen und ohne Frage ein Pionier: Seit den Sechzigerjahren läuft die Entwicklung der weltweiten elektronischen Business-to-Business-Plattformen, die heute unter dem Namen Global Distribution Systems (GDS) bekannt sind. Für nahezu jeden Prozess der Wertschöpfungskette gibt es eine Lösung, sei es in der Luftfahrt, sei es im Veranstaltergeschäft.

Auch Business-to-Consumer-Plattformen haben sich in der Touristik mit großem Erfolg etabliert. Expedia, Inc., zum Beispiel hat vor wenigen Wochen (am 9. Dezember 2015) während einer Partner-Konferenz in Las Vegas aktuelle Zahlen vorgelegt: Expedia und Orbitz steigerten ihren globalen Umsatz in den jüngsten zwölf Monaten um 21 Prozent auf 55,4 Milliarden US-Dollar, das Unternehmen bedient mehr als 60 Märkte – und glatt die Hälfte der Besucher sowie ein Drittel der Transaktionen kommen über Mobilgeräte. Expedia stellt sich auf ein gigantisches Wachstum mobiler Datenströme ein. Wenn das nicht volldigitale Touristik ist, was dann?

Andere Branchen schauen sich das ab. Anfang Juli 2015 berichtete die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ über Uber, Airbnb und andere Vertreter der Shared Economy – und sieht die Innovation dieser Unternehmen eben darin, dass sie eine Plattform schaffen, „auf der Käufer und Verkäufer zusammenfinden“. „Im Grunde spricht wenig dagegen“, fasste das Blatt zusammen, „dass sich ein Großteil des Wirtschaftslebens künftig in Richtung Plattformwirtschaft verschiebt.“ SAP hat das schon lange erkannt: Im Jahr 2012 kaufte der Konzern die US-amerikanische B-to-B-Einkaufsplattform Ariba Network, die als „world’s largest supplier community“ auftritt. Grob gesagt: Die machen das, was die Touristik seit etwa 50 Jahren macht.

Aber Sie haben schon Recht. Es gibt ja nicht nur die zentralen Plattformen. Die können so modern, webbasiert, cloudbasiert und um Apps ergänzt sein, wie sie wollen – wenn die angeschlossenen Unternehmen darauf nicht ausgerichtet sind, fahren sozusagen Traktoren auf der Autobahn.

Die Reisebranche hat sich lange Zeit ihrer „Bauchtouristiker“ gerühmt, die Entscheidungen eher aus dem Bauch heraus treffen als auf der Grundlage von Technik und Zahlen. (Mein Kollege Bernhard Steffens hat dazu hier einige kluge Dinge gesagt.) Legendär sind die Vorbehalte, die unser Wirtschaftszweig noch vor zehn Jahren dem Internet entgegenbrachte. Reste dieser Einstellung spürt TravelTainment manchmal noch immer, wenn wir uns im Reisevertrieb bewegen.

Viele Veranstalter und Leistungsträger sind digital astrein unterwegs und begleiten ihre Kunden nicht nur während der Buchung, sondern auch während der Reise auf allen mobilen und stationären Endgeräten. Viele andere aber lösen sich nicht von der analogen Ära. Sie tun sich schwer mit mobilen Apps und der Verknüpfung der Vertriebskanäle, ihre Außendarstellung ist oft noch ganz auf die Produktion von Papierkatalogen ausgerichtet. Auch Reisebüros beginnen erst langsam, sich für Apps zu erwärmen und die Vorteile zu erkennen.

Viele Menschen haben mit ihrer Bank nur noch über die App zu tun und suchen das Auto danach aus, wie gut es sich mit dem Smartphone versteht. Diese Menschen mögen verwundert schauen, wenn eine Veranstalter-Buchungsseite (unnötigerweise) nicht responsiv ist, also winzig klein auf dem Display erscheint. Oder dass sie Reisebüros anrufen müssen, um einen Mietwagen zu buchen.

Ja, es stimmt: Die Touristiker haben Bahnbrechendes geleistet, manche von ihnen müssen trotzdem noch nacharbeiten. Ihre Studie zeigt, dass sie das auch wissen. Wir sind gespannt auf die Detailergebnisse, die Sie für 2016 angekündigt haben.

Herzliche Grüße

Dr. Oliver Rengelshausen

TravelTainment-Geschäftsführung

Über den Autor

Dr. Oliver Rengelshausen ist seit Mai 2018 Sales Director Online und für die Märkte Deutschland, Österreich und Schweiz im Bereich Travel Channels innerhalb von Amadeus zuständig. In dieser Funktion verantwortet…
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