Letzter Arbeitstag bei der „FVW“: Monika Wiederhold interviewt Georg Jegminat

23.08.2018  /  5 Minuten Lesezeit  /  1 Kommentar
Autor:
Monika Wiederhold

Amadeus Blog: Am heutigen Donnerstag endet eine Ära. Georg Jegminat, Chefreporter und kritischer Begleiter der Airline- und der Travel-Technology-Branche, hat seinen letzten Arbeitstag bei der „FVW“. Er war im Sommer 2017 der erste Journalist, dem Monika Wiederhold als Vorsitzende der Geschäftsführung von Amadeus Germany ein Interview gegeben hat. Zum Abschied stellt nun sie ihm einige Fragen.

Herr Jegminat, Sie verlassen die „FVW“ nach rund 29 Jahren. Geboren wurden Sie als waschechter Analogue Native – wie digital sind Sie heute?

Jeder Mensch wird analog geboren und eignet sich dann erst die Kulturtechniken an. In Bezug auf Computer startete mein Lernen mit MS-DOS, dann kam Windows 1.0. Mobil habe ich damals meine Kontakte, Termine und Memos auf einem Palm Handheld verwaltet. Das World Wide Web gab es noch nicht. Ich denke, dass ich eine lange und intensiv gelebte Lernkurve bis hin zu KI und Blockchain mitgemacht habe.

In der Recherche bevorzuge ich allerdings das direkte Gespräch, denn gerade ein Fachredakteur bekommt erst von den Experten und Machern die tiefen Einblicke und das richtige Verständnis für Themen. Dabei entwickeln sich auch Kommunikationsebenen wie Vertrauen.

In der digitalen Kommunikation drohen wir in der Flut zu 99 Prozent irrelevanter Nachrichten unterzugehen. Gerade Journalisten sind diesem Fluch ausgesetzt. Die Selektion dessen, was Minuten unserer Lebenszeit verbrauchen darf, wird also eine immer wichtigere Kulturtechnik.

Sie haben es noch erlebt, dass alle zwei Wochen sorgfältig ein (einziges) Aufmacherthema gesetzt wurde und Druckfahnen mehrfach zwischen Redaktion und Druckerei hin- und herwechselten. Heute stehen Nachrichten innerhalb von Sekunden allen Online-Lesern zur Verfügung, auf FVW.de wechselt das Aufmacherthema oft mehrmals am Tag. Ist diese ungeheure Beschleunigung für ein Fachmedium von Vorteil?

Das klingt, als würde die Redaktion heute nicht mehr sorgfältig Aufmacherthemen für die gedruckte fvw recherchieren und aufbereiten. Stimmt aber nicht. Das digital produzierte Magazin liefert Hintergründe, Analyse und Einordnungen, die in der schnelllebigen Online-Welt weder zu liefern noch zu konsumieren sind.

Das Portal fvw.de ergänzt unsere Möglichkeiten: Die schnelle News, die exklusive Nachricht kommt sofort zu unseren Lesern, nicht nach 14 Tagen. Aber natürlich hat das Internet unsere Arbeitswelt verändert und das Nachrichtengeschäft enorm beschleunigt. Deshalb haben wir unseren Produktionsapparat durchgehend digitalisiert.

Wann wird die gedruckte „FVW“ eingestellt und durch die App ersetzt?

Wer unsere Magazine digital lesen will, kann das heute schon. Auf meinem iPad liegen immer die akutellen Ausgaben. Die Leser haben die Wahl, ob Papier oder digital. Letztlich sind relevante Inhalte wichtig, nicht der Informationsträger.

Wissen Sie noch, worum es in Ihrem ersten Artikel für die „FVW“ ging? Und in Ihrem ersten IT-Artikel?

In meinem ersten Bericht beklagten die deutschen Flughäfen, sämtlich in staatlicher Hand, die Verspätungen im Luftverkehr. Sie forderten mehr Geld, um mit dem Passagierwachstum Schritt halten zu können. Das klingt noch immer aktuell. In derselben Ausgabe ging es um das neue Touristikverfahren TOMA und um Bildschirmtext (BTX), den neuen elektronischen Vertriebskanal. Außerdem wurde berichtet, dass Amadeus das US-CRS System One als Amadeus One vermarkten werde.

Sie sind seit jeher ein kritischer Begleiter des Airline-Vertriebs und der touristischen IT. Welche Kritikpunkte sehen Sie heute?

Aus meiner Sicht ist das Risiko groß, dass der Wettbewerb im Reisevertrieb verschwindet, und zwar nicht durch die Airlines, sondern durch die Digitalgiganten. Wenn uns deren Sprachassistenten Reisen anbieten, können wir uns drei, vielleicht vier für die Auswahl merken. Die Giganten werden nach ihrem Vorteil auswählen, welche Reiseanbieter auf diesen drei Plätzen vorkommen. In China ist die Verengung der Vertriebswelt schon zu beobachten. Es wäre besser, die Reisebranche würde jetzt gemeinsam an Antworten arbeiten.

Im Lauf der Zeit haben Sie sich zum echten Technologie-Spezialisten entwickelt und sind mit großem Engagement in die Tiefen unserer GDS-Welt eingetaucht. Wo, glauben Sie, wird Amadeus in 10 Jahren, in 20 Jahren stehen?

Ich halte mich nicht für einen Spezialisten, sondern habe nur das Privileg, mit vielen Experten sprechen und von ihnen lernen zu können. Wie schwierig eine solche Prognose ist, zeigt ein Rückblick: Das erste Mobiltelefon bei der fvw war sauschwer und klobig wie ein Pilotenkoffer. Die heutigen Smartphones sind im Vergleich Hochleistungsrechner.

Nur eine Entwicklung scheint mir klar: Mit dem Vertrieb über NDC-Kanäle werden die Großfluggesellschaften die Wirtschaftlichkeit der Distributionssysteme herausfordern. Immerhin hat Amadeus mit dem Airline-Hosting ein Standbein, das wichtiger werden wird.

Sie haben es noch erlebt, dass Beratung und Verkauf ausschließlich über Papierkataloge liefen, dass umfangreiche Ticket- und Voucherhefte ausgestellt und dickleibige Reiseführer mitgeschleppt wurden. Heute wird sehr viel online gebucht, alle Tickets und Zielgebietsinformationen stehen (auf Wunsch) im „Passbook“ oder in einer App zur Verfügung. Sind diese Entwicklungen für Reisende von Vorteil?

Die Veränderungen setzen einen Lernprozess bei den Kunden voraus. Antrieb für die Innovationen war jedoch der Wunsch der Airlines, Kosten loszuwerden und die Kunden zur Selbstbedienung zu drängen. Natürlich beschleunigt die Digitalisierung die Prozesse zum Nutzen beider Seiten. Aber noch gibt es viele Menschen, denen die Haptik und Dauerhaftigkeit von Büchern wichtiger ist als die Flüchtigkeit von Daten.

Wie und wohin verreisen Sie am liebsten?

Für mich gilt der Spruch: Widerliche Wiederholung. Ich reise immer woandershin, im Sommer eine Etappentour mit dem Fahrrad, in den Frühjahrs- und Herbstferien ein Städtetrip.

Die Klassiker-Fragen stellen wir natürlich auch: Was war Ihr schönstes / beeindruckendstes Erlebnis als „FVW“-Journalist?

Zum Glück hat es in den knapp 30 Jahren viele gute Erlebnisse gegeben. Mein Grundmotiv als Journalist ist, zu lernen und zu verstehen. Dabei habe ich das Privileg, mit vielen Menschen zu sprechen, die die Reisebranche vorantreiben – also Lernen an der Quelle.

Am beeindruckensten, weil sehr einschneidend, war der Terroranschlag am 11. September 2001, den ich in der Redaktion am TV sah. Es war hart und emotional bewegend, die Meldung für fvw.de zu schreiben und mein Mitgefühl auszudrücken.

Welches Thema / welchen Themenblock fanden Sie in all den Jahren am spannendsten?

Ich kann mit Superlativen wenig anfangen. Als Fachmagazin hat mir die fvw die Chance geboten, mich in verschiedene Themen recht gründlich einzuarbeiten, selbst als noch jeder Redakteur über jedes Themenfeld schrieb. Acht Jahre lang war ich nebenher für die Destination USA/Kanada zuständig. Mit meinen Schwerpunkten Travel Technology und Luftverkehr habe ich es sehr gut getroffen. Denn beide sind hochdynamisch und innovativ, auch nach zweieinhalb Jahrzehnten noch.

Wissen Sie, wie viele Artikel Sie während Ihrer „FVW“-Laufbahn geschrieben haben? Haben Sie alle archiviert? Welchen davon werden Sie Ihren Enkeln stolz zeigen?

Ich habe sie weder gezählt noch archiviert. Im Verlag gibt es leuchtend rote Bücher mit allen fvw-Ausgaben von Nummer 1 an. Aber dort und auf dem Archivserver findet man immer nur die Vergangenheit. Spannend sind Gegenwart und Zukunft, zumindest wenn man die Basis für deren Entwicklung im Kopf hat. Für meine Enkel möchte ich als Person wichtig sein, nicht als Journalist.

Und welchen Artikel wollten Sie immer schon schreiben, ohne dass es je geklappt hätte?

Es hat immer mehr Geschichten gegeben, als auf den Seiten der fvw unterzubringen waren. Aber eine Lücke ist offenkundig: Das Interview mit Amadeus Chef Luis Maroto fehlt.

 

Georg Jegminat, Chefreporter der „FVW“

 

Über den Autor

Monika Wiederhold ist seit April 2017 Vorsitzende der Geschäftsführung der Amadeus Germany GmbH mit unternehmerischer Gesamtverantwortung für die Märkte Deutschland, Österreich und Schweiz. Seit Mai 2018 ist sie zudem als…
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1 Kommentar

  1. Rivka Kibel sagt:

    Na, sowas. Die FVW ohne Georg … das kann man sich kaum vorstellen…
    Ich wünsch Dir einen fantastischen Neustart, lieber Georg! Zum Glück geht in der Touristik ja in der Regel niemand verloren 🙂

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