Hat wer an der Uhr gedreht?

10.09.2019  /  3 Minuten Lesezeit
Autor:
Klaus Ennen

Amadeus Blog: Der Europäische Gerichtshof (EuGH) verlangt eine Arbeitszeiterfassung. Droht ein neues Bürokratie-Monster? Oder sind Reisebüro-Mitarbeiter froh, wenn endlich amtlich notiert wird, was sie ständig an Mehrarbeit leisten? Klaus Ennen hat in der Amadeus Community nachgefragt.

Morgens den Chip aufs Zeitmessgerät legen, abends wieder, und der Computer errechnet genau, wie lange ich im Büro war. Keine Überstunde ist verschenkt, und wenn ich nachsitzen muss, weiß ich’s auch. Das ist gerecht. Und Recht. Denn der EuGH hat entschieden, dass Unternehmen in der Europäischen Union künftig die tägliche Arbeitszeit der Mitarbeiter erfassen müssen (Aktenzeichen C-55/18). Schließlich habe jeder Arbeitnehmer das Grundrecht auf eine Begrenzung der Höchstarbeitszeit sowie tägliche und wöchentliche Ruhezeiten.

Aber eine Stechuhr im Reisebüro? Ist das hervorragende Fürsorge oder eine Schnapsidee?

Contra

Für die kleineren Reisebüros in der Amadeus Community eher letzteres: „Wo die Arbeitssonne scheint, ist kein Formular notwendig“, formuliert es eine Userin. Sie setzt auf Ausgleich, der sich von allein ergibt. Etwa, dass man „abends mal länger bleibt, morgens aber auch einmal später kommt, weil man das Kind in die Schule bringt“. Mit ihr einer Meinung ist eine Reisebüro-Mitarbeiterin, die eine Arbeitszeiterfassung „einfach nur Bürokratie“ nennt. „Für Unternehmen des Mittelstands wie bei uns und anderen Inhabergeführten Reisebüros“ sei die Arbeitszeit „immer ein Geben und Nehmen und hat auch etwas mit Vertrauen zu tun! Solche Strukturen könnten hier auch zum Nachteil der Arbeitnehmer zerstört werden!“

Die Teilnahme an Famtrips, für die meist ohnehin Urlaub genommen wird, würde, so eine andere Userin, „bei Überstunden-Anrechnung gar unmöglich“. Und letzteres sei auch nicht nötig, weil diese Reisen „ja auch eine gewisse Art der Erholung“ sind, da „man mal aus dem normalen Bürotrott rauskommt!“ Und: „Leidenschaft für den Job macht eine Arbeitszeiterfassung überflüssig“.

Aber Gesetz ist Gesetz. Ist also Aktionismus angesagt? Das nicht, denn es wird dauern, bis diese Entscheidung in allen EU-Staaten umgesetzt wird. Ist vielleicht ist ein gewisses Maß an (Selbst)-Kontrolle denn nicht wünschenswert?

Pro

Irgendwie müssen sich leidenschaftliches Arbeiten, Flexibilität in den Arbeitszeiten und eine Stechuhr doch unter einen Hut bringen lassen! Schließlich, so lautet eine Meinung in der Amadeus Community, ist eine Arbeitszeiterfassung „gar nicht schlecht, da sich damit gefühltes Wissen tatsächlich fundamentieren lässt, besonders dann, wenn es über einen längeren Zeitraum mal hektisch ist und viele Überstunden anfallen.“

Ein Modell aus der IT-Branche

Ein Blick aus der Tourismus- in die IT-Branche geht noch einen anderen Weg: Das Frankfurter Unternehmen byte5, das laut Geschäftsführer Christian Wendler ein „sehr positives Arbeitsklima“ hat, verbindet Zählbürokratie mit persönlicher Freiheit: „Im Team erfasst jeder die eigene Arbeitszeit mit einer digitalen Stechuhr.“ Andererseits dürfen die Mitarbeiter seit knapp eineinhalb Jahren nicht nur arbeiten wann und wo sie wollen – sie können auch unbegrenzt Urlaub nehmen. Voraussetzung: Jeder erledigt seine Aufgaben pünktlich, erfüllt seine Ziele und spricht Urlaube innerhalb seines Teams so ab, dass er einen Stellvertreter hat.

Diese Regelungen wirken sich laut Wendler auch positiv auf die Leistungen aus, denn die Mitarbeiter wüssten es zu schätzen, dass sie ihre Arbeit mit ihren Familien- und Freizeitplänen vereinbaren können. „Wir leben das mit voller Überzeugung“, bilanziert Wendler, der aber bei aller Freiheit nicht blauäugig an die Sache herangeht. So habe er vor der Flexibilisierung von Arbeitszeit und -ort rechtliche Hürden geprüft und aus dem Weg geräumt. Zudem achte das Unternehmen darauf, dass jeder Kollege mindestens die gesetzlich vorgeschriebenen 20 Urlaubstage nehme. Und wer 40 nimmt? „Das ist nicht ausgeschlossen“, sagt Wendler. Oberste Maxime sei nur, dass der Viel-Urlauber durch seine Abwesenheit keinen Kollegen unbotmäßig belaste.

Zeit statt Geld?

Ein Modell für die Touristik? Schließlich plagen sich Reisebüros mit Nachwuchssorgen. Und die Generationen Y und Z, also nach 1985 beziehungsweise 1995 Geborene, verlangen nach einer guten Work-Life-Balance, nach ausreichend Zeit für Hobbies, Familie und Freunde. Da könnte die Reisebüro-Branche punkten. Und eine Arbeitszeitregistrierung per Telefon, PC oder Excel-Tabelle dazu nutzen, um arbeitseifrige Mitarbeiter mit Extra-Urlaub für Famtrips, einem frühen Feierabend an buchungsarmen Tagen oder einem Ausschlaf-Gutschein für den Tag nach der Roadshow zu belohnen. Wer monetär sparsam sein muss, könnte doch das derzeit wichtigste Gut verschenken: Zeit. Was halten Sie von dieser Anregung?

Über den Autor

Klaus Ennen verantwortet den Bereich Marketing Kommunikation bei Amadeus DACH. Er jongliert täglich virtuos mit Informationen zwischen Presse, Newslettern, Webseite, Community, Blog und weiteren Social Media Kanälen. Und auch „Live…
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