Haste mal ‘nen Euro? Von der Abschaffung des Bargeldes

06.06.2018  /  5 Minuten Lesezeit
Autor:
Sascha Nau

Amadeus Blog: Apple-Chef Tim Cook träumt von der völligen Digitalisierung der Bezahlvorgänge. Wie in Schweden. Warum sich hierzulande dennoch so viele schwer tun, nur noch elektronisch zu bezahlen.

„Was sollen wir mit dem Zeug?“, fragte Tim Cook neulich während eines Aktionärstreffens in Kalifornien. Der Vorstandsvorsitzende von Apple hofft, das Verschwinden von Geldscheinen und -münzen noch selbst erleben zu können. Das berichten die „Deutschen Wirtschafts-Nachrichten“ unter Berufung auf die US-Internetseite „Business Insider“. „Warum sollten wir so viel Geld ausgeben, um dieses Zeug zu drucken und dann stiehlt es jemand und man muss sich um Fälschungen Sorgen machen“, wird Cook wiedergegeben. Der Apple-Chef sieht also volkswirtschaftliche Vorteile in der Abschaffung des Bargeldes. Und möchte natürlich auch ein bisschen mitverdienen: mithilfe von Apple Pay, einem Zahlungssystem für iPhones, das mit mäßigem Erfolg schon im Oktober 2014 in den Vereinigten Staaten eingeführt wurde.

Schweden: Nur noch 20 Prozent aller Zahlungen in bar

Über die Schweden dürfte sich Cook freuen. Sie sind weltweit führend bei der Abschaffung des Bargeldes. Nur noch 20 Prozent aller Transaktionen werden hier cash bezahlt. Dass die Abschaffung des Bargeldes Langfingern und anderen Kriminellen das Geschäft erschwert, zeigt sich am Beispiel Schwedens ganz deutlich. Als dort im Jahr 2007 noch mehr als 90 Prozent aller Zahlungen in bar geleistet wurden, gab es 110 Banküberfälle.  Zehn Jahre später nur noch fünf. Solche Argumente lieben die Schweden. Selbst der Mann in Stockholm, der die Obdachlosen-Zeitschrift verkauft, zückt bei seiner Kundschaft ein Kartenlesegerät und besitzt gar kein Portemonnaie mehr.

Toilette, Kaugummi, Espresso digital bezahlt

Die Straßenszene steht sinnbildlich für den Aufbruch Schwedens in die digitale Geldwelt. Kein anderes Land geht den Weg hin zu einer bargeldlosen Gesellschaft so konsequent wie die Skandinavier. Die öffentliche Toilette, der Espresso, der Hamburger mittags oder das Feierabend-Bier werden nur noch mit dem bezahlt, was die Amerikaner „Plastic Money“ nennen. Wer mit dem öffentlichen Nahverkehr fährt, kann seine Tickets nur noch bargeldlos kaufen. Selbst Zeitungen und Kaugummis können mobil oder mit Karte gezahlt werden. Die schwedischen Banken SEB und Nordea, haben sich für ein mobiles Zahlsystem namens Swish zusammengetan. Zahlungen von privat zu privat sind einfach über eine App auf dem Smartphone möglich. Wer etwa sein Fahrrad gebraucht verkaufen möchte, kann vor Ort von einem Telefon zum anderen bezahlen.

Die Deutschen lieben ihr Bargeld

In Deutschland ist das noch ganz anders. Die Wirtschaftswoche zitiert Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank: „Die Deutschen lieben das Bargeld.“ Nach einer neuen Studie der Bundesbank laufen bei uns immer noch gut drei Viertel aller Transaktionen in bar ab. Bezogen auf den Umsatz ist der Einsatz von Scheinen und Münzen zwar 2017 erstmals unter die 50-Prozent-Marke gerutscht. Gleichzeitig aber hat jeder Deutsche im Schnitt 107 Euro im Portemonnaie – europäischer Rekord. Mehr als 250 Milliarden Euro, ein Fünftel der Bargeldmenge der Euro-Zone, befinden sich in Deutschland im Umlauf. Und nur 25 Prozent der Deutschen halten bargeldlose Zahlungen für sicher, ergab eine Studie der Beratungsfirma Barkow Consulting.

30 Prozent verschmähen „Plastic Money“

30 Prozent der Bundesbürger lehnen Kartenzahlung eher ab und zahlen bevorzugt in bar. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage (n=1018) von TNS Kantar im Auftrag des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. hervor. Jeder Sechste (16 Prozent) sieht überhaupt keine Vorteile gegenüber der Zahlung mit Bargeld.

Seit der Einführung des bargeldlosen Systems weltweit verdienen Banken und Fintechs ordentlich daran. Ein Kreditkartenunternehmen kassiert immer mit einer Provision an jedem Kauf mit, den ihr Besitzer tätigt. Seit zwei Jahren sind nur noch gedeckelte 0,3 Prozent des Zahlungsbetrags fällig, bei sogenannten Debitkarten 0,2 Prozent. Bei einem Lebensmittelkauf von 100 Euro beispielsweise kassieren Mastercard & Co also 30 Cent: kein übermäßiger Betrag mehr, der den Einkauf nennenswert teurer machen würde. Aber die schiere Masse macht den Karteneinsatz für Kreditkartengesellschaften immer noch zu einem lukrativen Modell. Noch mehr verdienen sie allerdings daran, dass sie ihre Daten weiterverkaufen – beispielsweise, um die Bonität eines Kreditnehmers untersuchen zu können.

Bargeldlos mehr negative Zinsen

Banken und Handel würden Bargeld am liebsten sofort abschaffen. Zentralbanken anderer Länder, wie die der USA beispielsweise, denken auch so. Schließlich ließen sich negative Zinsen durchsetzen. Wer kein Bargeld mehr besitzt, kann es auch nicht daheim verstecken. Liegt es nur noch auf dem Konto, hat der Besitzer gar keine Wahl mehr, wenn die Bank den Negativzins fordert.

Im letzten Wahlkampf warnten FDP, Grüne und Linke unisono vor dem Marsch in den Überwachungsstaat und gaben sich als Vorkämpfer bürgerlicher Freiheit. Sie warnen vor „Unfreiheit“ durch Abschaffung des Bargelds unter dem Vorwand der Geldwäschebekämpfung. Nur Bargeld erlaube, Geld ohne staatliche Kontrolle aufzubewahren oder Geschäfte ohne Bankgebühren zu tätigen.

„Geprägte Freiheit – ein Grundrecht“

Selbst unter den Wirtschaftsweisen in Deutschland gibt es keine Einigkeit, was das Thema „Cash“ angeht. Der eher sozialdemokratisch geprägte Peter Bofinger spricht sich für die Abschaffung von Bargeld aus und nennt ökonomische Gründe, die dafür sprächen: Vermeidung von Schwarzarbeit und Geldwäsche, größere Spielräume für negative Zinsen. Sein Kollege Lars Feld hält dagegen mit einem fundamentalen juristischen Argument: Geld sei „geprägte Freiheit“ – ein Grundrecht.

Bezahlvorgänge im Tourismus: Digitalisierung schreitet voran

So werden wir hierzulande noch lange Zeit brauchen, bis wir es den Schweden gleichtun und unsere Scheine und Münzen Zug um Zug aufgeben. Immerhin sind bei uns noch gut 13 Milliarden D-Mark im Umlauf – 16 Jahre nach der Einführung des Euro wohlgemerkt. Aber es wird langfristig kein Weg an der Auflösung des Bargeldes vorbei führen und das greift auch im Tourismus. Seit dem 13. Januar dieses Jahres dürfen Reisebüros und andere Händler für das Bezahlen per Sepa-Überweisung, Sepa-Lastschrift oder mit den Kreditkarten Mastercard oder Visa keine Zusatzentgelte mehr verlangen. Ein weiterer Schritt zur Digitalisierung der Tourismusindustrie. Gerade in Reisebüros, bei Veranstaltern und Fluggesellschaften waren solche „Surcharges“ gängige Praxis.

„Man wird doch mal nachzählen dürfen“

Ich bin überzeugt: In einer Zeit, in der gedruckte Reiseunterlagen oder papierne Flugtickets nur noch Relikte einer vergangenen Zeit sind, wird die Digitalisierung auch die Bezahlvorgänge hin zu (komplett) bargeldlos verändern. In den Köpfen der Menschen wird sich dazu noch viel ändern müssen. Wie in dem des älteren Herrn, der am Bankschalter sein ganzes Gespartes abhebt. Nach zehn Minuten kommt er wieder und zahlt alles wieder ein. „Warum haben Sie denn das Geld überhaupt abgehoben?“, will der Kassierer wissen. Der analog denkende Herr: „Man wird doch mal nachzählen dürfen!“

 

 

 

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Sascha Nau ist seit 2011 bei Amadeus Germany für den Marketingbereich verantwortlich. Neben Marketing Management und Marketing Communication gestaltet er inhaltlich unter anderem Events wie das Amadeus Online Forum. Von…
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