Gesichtserkennung – bloß nicht!

12.07.2016  /  2 Minuten Lesezeit
Autor:
Stefan Becker

Amadeus Blog: Warum neue Software wie FindFace die dunkle Seite der Daten öffnen könnte

Mir läuft es kalt den Rücken hinunter: Die russische App FindFace kann einen Menschen aufgrund eines einzigen guten Gesichtsfotos erkennen und seine Profile in sozialen Netzen ausfindig machen. Wenn auch erst einmal lediglich im russischen Facebook-Pendant VK. Dort aber soll das bereits mit Trefferquoten von 70 bis 90 Prozent funktionieren.

Natürlich gibt es für eine solche Software schöne und nützliche Anwendungen, zum Beispiel kontextbezogene personalisierte Angebote, wie Sascha Nau hier schreibt. Und ja, die „Google Glasses“ mit integrierter Kamera gehen in dieselbe Richtung und sind längst kalter Kaffee, die täglich präziseren Verbraucherprofile von Payback mittlerweile völlig normal. Alles easy?

Nein. Die Google-Brille ist zunächst einmal lediglich ein stets einsatzbereiter, unauffälliger Fotoapparat (problematisch genug). Und die Weitergabe der eigenen Daten an Payback läuft freiwillig. Technologien wie FindFace mit ihrem neuen Niveau der Vernetzung bedeuten, dass ich ständig unfreiwillig identifiziert und beschnüffelt werden kann.

Ich finde das schlimm. Sollte sich diese Software verbreiten, weiß ich nicht mehr, welche Überwachungskamera mich erkennt und registriert und welcher aufbrausende Fußgänger mit gezücktem Smartphone mich digital verfolgt, weil ich ihn völlig zu Recht vom Fahrradweg geklingelt habe. Mein Lieblings-Thai-Restaurant an der Ecke Zeil/Breite Gasse liegt direkt neben zwei Bordellen. Sollten moralgesättigte Menschen anfangen, die Breite Gasse zu filmen und die Passanten zu identifizieren, kann ich dort nicht mehr essen gehen, ohne mir Sorgen um meinen Ruf zu machen.

Das politische Geschehen ist auch nicht geeignet, mich zu beruhigen. In vielen Ländern sind autoritär orientierte Regierungen im Kommen oder bereits im Amt. Mit FindFace und ähnlichen Programmen lassen sich Demonstranten sowie die Besucher bestimmter Gaststätten oder Buchläden oder Hotels registrieren, und zwar, ohne dass die Betroffenen es merken. Oder Journalisten der „Lügenpresse“ aus Menschenansammlungen herausfiltern. Oder missliebige Politiker durch die Stadt verfolgen. Die Möglichkeiten dieser Technologie, kombiniert mit der (politisch akzeptierten) Internet-Überwachung, wie sie die Snowden-Enthüllungen gezeigt haben – mir wird übel.

Das klingt jetzt, als hätte ich etwas gegen Big Data oder Retargeting. Habe ich nicht. Ich finde nur, dass wir vor lauter Begeisterung über die vielfältigen, zweifellos tollen Möglichkeiten dieser Technologien nicht die Augen davor verschließen dürfen, dass sie (wie alles auf der Welt) zweischneidig daherkommen. Software wie FindFace könnte ein Schlüssel zur dunklen Seite der Daten werden.

Über den Autor

Stefan Becker ist gelernter Journalist und war bis zur ihrer Schließung Redakteur der Zeitschrift „Touristik Report“. Zurzeit arbeitet er in der externen Pressestelle von Amadeus bei XSP Marketing und Kommunikation.…
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