Früher war mehr Urlaub

30.05.2017  /  3 Minuten Lesezeit
Autor:
Juliane Siekmann

Amadeus Blog: Vor 30 Jahren haben Reisen länger gedauert. Zumindest gefühlt. Wie kann man dieses Gefühl für die schönsten Wochen des Jahres zurückholen?

Ich sage nicht, dass früher alles besser war. Aber manches hat länger gedauert. Und das war nicht das Schlechteste. Zum Beispiel hat eine Urlaubsreise in den 1980ern im Prinzip schon Wochen vorher angefangen, wenn mein Vater den dicken roten Straßenatlas aus dem Regal holte und anfing, die Anfahrt zu planen. Gemeinsam machten wir uns mit Autobahnen und Landstraßen vertraut und diskutierten, ob die rudimentäre Anfahrtsbeschreibung für die letzten Kilometer ausreichen würde. Wie die Unterkunft aussieht, wussten wir von höchstens zwei, drei Bildern und einer Beschreibung, die viel Interpretationsspielraum ließ. Was wir vor Ort besichtigen wollten, planten wir mit einem mehr oder weniger dicken Reiseführer, der ebenfalls schon einige Zeit vorher bereit lag. Ob die wortreich beschriebene Burgruine dann wirklich den Tagesausflug wert war, würden wir erst hinterher wissen.

Apropos hinterher: Nach der Reise dauerte es noch einige Tage oder sogar Wochen, bis die sorgsam geknipsten (Filme und Entwicklung waren teuer!) Fotos im Fachgeschäft abholbereit waren. Ich erinnere mich noch gut an die Gefühlsmischung aus Vorfreude, Hoffnung und Skepsis beim Öffnen der Umschläge , ob die fertigen Abzüge wohl auch genauso schön waren, wie ich es mir wünschte. Dann wurden wahlweise Alben vollgeklebt – gerne noch mit Souvenirs wie Eintrittskarten oder Stadtplänen – oder Diashows zusammengestellt. Untermalt mit den schönsten Anekdoten zeigten wir Verwandten und Freunden stolz, was wir „Besonderes“ erlebt hatten.

Praktisch vielleicht – aber sexy?

Und heute? Den Anfahrtsweg spuckt uns das Navi am Morgen der Abfahrt nach zwei Minuten aus. Dank umfangreicher Bilder der Unterkunft und von Gästen, die vor uns dort waren, wissen wir genau wie Schlaf- und Badezimmer aussehen. Was wir im Urlaub unternehmen wollen, entscheiden wir spontan nach Wetterlage und Ausflugstipps verschiedener Webseiten. Und die Fotos vom Urlaub werden nicht nur sofort im Smartphone angezeigt, sondern auch direkt mit der Welt geteilt.

Ohne Frage ist das alles unglaublich praktisch und zeitsparend. Aber Hand aufs Herz: Will ich in meinen schönsten Wochen des Jahres überhaupt Zeit sparen? Und praktisch ist – naja, eben praktisch. Nicht attraktiv, nicht aufregend, nicht bemerkenswert und nur selten erinnerungswürdig (ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auf dem Sterbebett nicht darüber sinnieren werde, wie praktisch meine Spülmaschine war…). Was im Gedächtnis bleibt ist das Außergewöhnliche, das Besondere. Situationen, die uns herausgefordert haben oder in denen wir besondere Begegnungen mit anderen Menschen hatten.

Plädoyer für Entschleunigung

Darum plädiere ich bei allen Vorzügen der modernen Technik für eine Bewegung des „Slow Travel“. Damit Reisen ein besonderes Erlebnis ist und bleibt. Warum nicht schon vorher im Familienrat planen, was im Urlaub unternommen werden soll – oder was auf gar keinen Fall gemacht werden darf? Den alten Straßenatlas (Sie haben bestimmt noch irgendwo einen rumliegen) rauskramen und vor der Reise die Route geistig nachvollziehen (im Auto darf dann trotzdem wieder das Navi ran). Fragen Sie im Urlaub nicht Ihr Smartphone nach dem nächsten Restaurant, sondern den nächsten Menschen, dem Sie begegnen. Sie sprechen die Sprache nicht? Egal. Mit Händen, Füßen und einem Lächeln im Gesicht ist mehr Verständigung möglich als man glaubt. Und hinterher mal wieder ein Fotoalbum (oder moderner: Fotobuch) erstellen: Die Auswahl der schönsten Schnappschüsse lässt die Erinnerung nochmal lebendig werden und holt das Urlaubsgefühl zurück.

Dieses Gefühl, auf das ich mich lange vorher freue und woran ich hinterher noch gerne zurückdenke – oder auch, dass etwas so gründlich schief gelaufen ist, dass ich noch meinen Enkeln davon erzählen werde. Aber auf jeden Fall sollen meine Reisen kein beliebiger Konsumartikel sein, den ich benutze und danach sofort wegwerfe auf die Müllhalde meiner Erinnerungen.

Wie sehen Sie das? Wie verlängern Sie Ihren Urlaub über den Aufenthalt vor Ort hinaus? Schildern Sie uns Ihre Erfahrungen und Erlebnisse. Wir freuen uns darauf.

Über den Autor

16 Jahre lang leitete Juliane Siekmann die interne Reiseredaktion der Amadeus Tochter Traveltainment und baute mit ihrem Team einen umfangreichen Bestand an Reiseinformationen für Urlauber auf, der über die Internet…
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