Einkaufen 3.0: Amazon-Supermarkt mischt Branche auf

16.11.2017  /  5 Minuten Lesezeit
Autor:
Klaus Ennen

Amadeus Blog: Amazon trifft Vorbereitungen für den Start der Lebensmittel-Kette Amazon Go. Nicht Wenige erwarten, dass der Supermarkt ohne Kassenschlangen den Einzelhandel kolossal aufmischen wird. Amazon drängt sich in alle Branchen, die Profit versprechen – jetzt auch in die Lebensmittelbranche. Muss jetzt die Reisebranche den US-Konzern fürchten? Unsere Antwort lautet: nein

Sie haben eine enorme Wirtschaftsmacht – die Gafa-Konzerne in den USA: Google, Amazon, Facebook und Apple. Alleine Facebook hat heute zwei Milliarden aktive monatliche Nutzer, mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung. Nur die vier Gafas sind bald an der US-Börse doppelt so viel wert, wie alle 30 Dax-Titel zusammen, die den Kern der deutschen Wirtschaft bilden. Google dominiert den Markt der Suchmaschinen – in Deutschland mit 91,9 Prozent Marktanteil. Die Stammkunden von Apple warten wie Kinder auf den Weihnachtsmann, bis das nächste iPhone in den nächsten Tagen auf den Markt kommt, das deutlich über 1.000 Euro kosten soll. Und Amazon, schon längst größter Online-Händler der Welt, schickt sich an, auch ein Offline-Gigant zu werden. Das finde ich faszinierend, aber auch ein wenig erschreckend.

Technologie-, Handels- und Logistik-Gigant

Im Jahr 1995 hat Jeff Bezos in Seattle in einer Garage angefangen, Bücher im Internet feilzubieten, mit Kreditkarte das Geld einzunehmen und sie zu versenden. Heute ist Bezos Herr über Amazon: ein marktbeherrschender Technologie-, Handels- und Logistikkoloss mit weltweit mehr als 340.000 Mitarbeitern und 136 Milliarden Dollar Umsatz. Amazon produziert Fernsehserien, verkauft Unternehmen Rechenkapazität und drängt mit der sprachgesteuerten Digitalassistentin Alexa ins vernetzte Heim.

Filme und Übernacht-Zustellung

Wer für eine Abo-Gebühr von 69 Euro jährlich Prime-Mitglied ist, kann bei dem Riesen alle Waren vom Paketdienst ins Haus geliefert bekommen – über Nacht. Amazon hat zusammen mit Wettbewerber Netflix die Videotheken überflüssig gemacht. Denn im Amazon-Abo gibt’s eine Auswahl von fast 40.000 Filmen, die meist unentgeltlich gestreamt werden dürfen.

Bilderspeicher,  Musik und  Bücherei

Wer Amazon die Treue über Prime hält, der darf seine Urlaubsbilder in die Wolke namens Amazon Cloud Drive stellen, ohne Datenlimit. Obendrein gibt’s Musik zum Streamen namens Prime Music. Selbst den öffentlichen Bibliotheken macht Amazon Konkurrenz: die Kindle-Leihbücherei steht Prime-Kunden offen, die Flatrate enthält neben vielen E-Books auch digitale Ausgaben von aktuellen Magazinen.

Amazon liebt das Digitale, dringt jetzt aber auch in die analoge Welt ein – mit Macht. Die Aktienkurse von alteingesessenen US-Unternehmen wie Wal-Mart fahren Achterbahn, wenn Amazon neue Aktivitäten als Lebensmittelhändler verkündet.

Stolz der US-amerikanischen Handelskultur ist angezählt

Die Expansion von Amazon als digitales Modehaus verwandelten viele Filialen der Kaufhauskette Macy’s in Geisterhäuser. Einst waren sie der Stolz der amerikanischen Dienstleistungs- und Handelskultur. Der Börsenkurs von Macy’s sank seit Jahresanfang um mehr als 40 Prozent. Toys R Us ächzt, sorgt sich, wie die Weihnachtsware bei dem Schuldenturm finanziert werden kann. Quer durch den US-Handel machen auch in großen Outlets Filialen zu.

Verbraucher, erinnert Euch Eurer Fußgängerzonen!

Weil die Kunden per Mausklick ordern und daheim ihren Kaffee trinken, müssen viele Starbucks-Filialen in den Outlets dicht machen. Die Finanz-Nachrichtenagentur Bloomberg hat ausgerechnet, dass es heute schon mehr als zehn Prozent Verkaufsflächen in den USA zu viel gibt. Es ist zu hoffen, dass der deutsche Verbraucher nicht so faul ist wie der US-amerikanische, und sich seiner Fußgängerzonen erinnert. Noch können die Karstadts, Peek & Cloppenburgs und Hugendubels sich ihre Mieten leisten.

Amazon ersetzt den Tante-Emma-Laden

Brandgefährlich für den stationären Einzelhandel scheint der Echtzeitdienst Prime Now zu werden. Er ist in Deutschland seit einem Jahr in Berlin und Hamburg verfügbar. Binnen zwei Stunden wird die Ware zugestellt. Prime Now liefert das, was früher Aufgabe des Tante-Emma-Ladens war: Die Menschen um die Ecke mit Artikeln des täglichen Bedarfs zu beliefern. Grillkohle, aber auch Lebensmittel vom Salat bis zur Frischmilch liefert ein Kurier per Lastenfahrrad. In Berlin kooperiert die Drogeriemarktkette Rossmann mit Amazon und baut damit ihr Online-Geschäft aus. Prime-Kunden können sich gut 5000 Artikel aus dem Rossmann-Sortiment liefern lassen. Aber auch, wer Kuchen backen will, aber keine Zucker mehr hat, der bekommt ihn von Prime Now in weniger als 60 Minuten. Alternativ zeigt eine App Wunschtermine in einem Zweistunden-Fenster. Inzwischen funktioniert Prime Now in 50 Städten in sieben Ländern.

Lebensmittel „Fresh“

Zu den neueren Offline-Diensten auch in Deutschland zählt der Lieferdienst Fresh, über den Amazon frische Lebensmittel ausliefert. Jetzt geht Einkaufen mit Amazon vielerorts schneller, als selbst in die Stadt zu fahren: Prime-Mitglieder erhalten Waren aus einem – zunächst – kleineren Sortiment innerhalb von zwei Stunden.

Im Juni dieses Jahres wurde in den Staaten Amazon Fresh Pickup aus der Taufe gehoben. Kunden können Produkte per App vorbestellen und in 15 Minuten mit dem Auto abholen. Wer die Zustimmung gibt, den erkennt Amazon schon am Nummernschild.

Snack-Schließfächer für Studenten

Noch schneller ist der Abholservice „Instant Pickup“. In der Nähe von fünf Universitäten in den USA testet Amazon diesen Dienst, der etwa hundert Produkte anbietet. Die Studenten können Snacks, Getränke und Elektrogeräte wie Kopfhörer per App ordern. Vorn öffnet die Kundschaft das Fach mit einem Code auf dem Handy, hinten befüllen Amazon-Mitarbeiter die Schließfächer. Der Konzern wirbt damit, die Ware innerhalb von nur zwei Minuten bereitstellen zu können.

Amazons Gründer Bezos ist auf dem besten Weg, der größte Einzelhändler der Welt zu werden – ja sogar des größten Unternehmens weltweit. Mit der Übernahme der Bio-Supermarkt-Kette Whole Foods dringt der Konzern in den Vereinigten Staaten an den Ort vor, wo die Kunden ihre lebenswichtigen Produkte kaufen.

Einkaufsbeschleuniger: Supermarkt ohne Kasse

Richtig Panik haben viele Marktteilnehmer mit dem, was mit Amazon Go auf die Lebensmittelbranche zurollt: Der Supermarkt der Zukunft. Schon heute dürfen Angestellte des Konzerns in einem Test-Store in Seattle testen, wie Einkaufen bald aussehen könnte:  Einfach Ware aus dem Regal nehmen, in die Tasche packen… und … gehen.  Kein Anstehen mehr, kein Scan, kein Bezahlen beim Kassierer. Letzteren gibt’s auch nicht mehr. Der Kunde hält vor und nach dem Einkauf nur sein Smartphone an einen Sensor.

Sensoren, Kameras und Algorithmen kennen den Kunden

Der Betrag für die Lebensmittel wird vom Amazon-Konto abgebucht. Sensoren, Kameras und Algorithmen im Großrechner erkennen automatisch, welche Produkte sie wählen und in welcher Menge. Aber das scheitert, sobald sich mehr als etwa 20 Kunden im Laden aufhalten – noch. Im nächsten Jahr will das Amazon-Management die ersten Go-Märkte für Jedermann eröffnen.  Der Supermarkt ohne Kassenschlangen wird den Einzelhandel kolossal aufmischen wird.

Auch wenn der Expansionsdrang von Amazon aggressiv und manchmal ungerecht erscheint: Ich finde nicht, dass man technische Weiterentwicklungen bremsen oder gar verhindern sollte. Als die Autos die Pferdefuhrwerke verdrängten und viele Hufschmiede arbeitslos wurden, haben sich auch viele aufgeregt.

Kopf hoch: Auch die Motorisierung brachte Wohlstand

Die Motorisierung bescherte der Menschheit einen bisher nicht erreichten Wohlstand. Ich glaube, dass es mit der Digitalisierung ähnlich läuft. Alte Berufe verschwinden, dafür gibt es Neue, gut bezahlte. In der Reisebranche in Deutschland muss sich keiner vor Amazon fürchten – dazu ist ihre Struktur zu mittelständisch und kleinteilig. Denn noch nie hat sich Jeff Bezos mit Unternehmen angelegt, die nicht zweistellige Milliarden-Umsätze machen.

Sind erst beim Gruß aus der Küche

Die Entwicklung bei Amazon, den Gafas und anderen digitalen, globalen Großkonzernen verfolgen wir hier bei Amadeus mit Spannung. Denn wir als IT-Unternehmen helfen unseren Kunden, mit und von der Digitalisierung zu profitieren. Es wird noch gewaltig viel passieren, denke ich. Das hat auch Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber der Wirtschaftswoche gesagt: „Wäre die Digitalisierung ein Restaurantbesuch, dann befänden wir uns gerade mal beim Gruß aus der Küche.“

Über den Autor

Klaus Ennen verantwortet den Bereich Marketing Kommunikation bei Amadeus DACH & Traveltainment. Er jongliert täglich virtuos Informationen zwischen Presse, Amadeus Magazin und Newsletter, Webseite, Community, Blog und weiteren Social Media…
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