Eine Spirale aus Angeboten

29.05.2019  /  4 Minuten Lesezeit
Autor:
Lothar Schmitz

Amadeus Blog: Der Zuwachs an Angebotsdaten in Amadeus Bistro Portal und der Amadeus Leisure IBE erfordert neue Suchfunktionen. Neue Suchfunktionen aber begünstigen den Zuwachs von Angebotsdaten. Wie das zusammenhängt, wohin das führt und was sich da machen lässt, erläutert Lothar Schmitz.

Städteplaner wissen, dass neue Straßen nicht etwa zur Verkehrsberuhigung beitragen, sondern zu mehr Verkehr führen – „wer Straßen sät, wird Verkehr ernten“, fasste das „Handelsblatt“ 2009 zusammen. Etwas Ähnliches gilt für den Verkehrsstrom der touristischen Angebote: Neue Suchfunktionen führen zu einem sprunghaften Anstieg des Angebotsvolumens und damit zu neuen Herausforderungen bei Datenqualität und Verarbeitungszeit.

Kurzer Blick zurück: Im Jahr 2017 zählte Amadeus Leisure IT (damals noch Traveltainment) rund 50 Milliarden Angebote deutscher Veranstalter für den deutschen Markt in seiner Datenbank. Wir entwickelten Funktionen in unserem Frontend, die diese Menge handhabbar machten, zum Beispiel Hotelattribute wie „Familie“, „direkte Strandlage“, „Wellness“ und „Meerblick“ als Filter. So brachen wir das Angebot auf überschaubare Mengen herunter.

OTDS spart Platz

Außerdem begann OTDS, sich durchzusetzen. Bisher hatte das klassische Datenformat INFX jedes mögliche Reiseangebot en détail ausformuliert, dabei dieselben Attribute endlos wiederholt und entsprechende Datenberge produziert. Der Offene Touristische Datenstandard dagegen vermeidet solche Redundanzen. Seine regelbasierte Beschreibung der Angebote reduziert das Datenvolumen erheblich und erleichtert es darüber hinaus den Veranstaltern, die  Angebote direkt aus dem Inventory an den Vertrieb zu übermitteln. Wo INFX bei einer Verdoppelung der Produkte auch das Datenvolumen fast verdoppelt, braucht OTDS weniger als 0,1 Prozent mehr Platz.

Kurz gesagt: Größere Angebotsmengen werden seit 2017 durch neue Suchattribute besser beherrschbar und durch OTDS platzsparend.

Mehr Auswahl, mehr Varianten

Das finden die Reiseveranstalter natürlich gut. Denn der Markt möchte gern mehr Auswahl und Flexibilität – völlig logisch, denn so lassen sich die konkreten Angebote individueller gestalten. Also wurde das Spektrum verfügbarer Hotels von damals durchschnittlich 15.000 auf heute zum Teil 50.000 Häuser je Veranstalter ausgebaut. Und jedes Hotelangebot mit mehreren Flügen pro Tag sowie verschiedenen Transfervarianten verknüpft. Das Ergebnis: 2018 stellten deutsche Reiseveranstalter an jedem einzelnen Tag schon 145 Milliarden Angebote für den deutschen Markt bereit.

Seitdem haben weitere Veranstalter auf OTDS gewechselt, und wir haben die Suche nach alternativen Flügen sowie den Direktflug-Filter live geschaltet. Das heißt: Statt wie bisher ein Bestpreis-Angebot (bestehend aus einem bestimmten Flug und einem bestimmten Hotel) liefern Amadeus Bistro Portal und die Leisure IBE ihren Nutzern jedes Hotel mit mehreren Flugvarianten aus. Drei zusätzliche Optionen für Hin- und Rückflug aber machen aus einem (Bestpreis-) Angebot 16 einzelne Angebote.

Täglich über 300 Milliarden Angebote – Tendenz steigend

Das Ergebnis: Heute (im Frühjahr 2019) zählen wir jeden Tag 310 Milliarden Angebote. Sechsmal so viele wie vor zwei Jahren. Und es nutzen noch nicht einmal alle OTDS-Veranstalter die Funktion „alternative Flüge“. Und es sind noch längst nicht alle Veranstalter auf OTDS gewechselt.

Außerdem ist die Diskussion noch lange nicht zu Ende. Seit diesem Frühjahr zeigen wir im Vakanzfenster für alle Versionen von Amadeus Bistro Portal schon mal Informationen über die Zahl und das maximal zulässige Gewicht von Freigepäck an. Getrieben durch Low Cost Carrier, die nicht mehr bereit waren, 21 Kilogramm Freigepäck zu garantieren, und damit alle Airlines unter Druck setzten. Anschließend könnten Dinge wie weitere Transferarten oder Kabinenklassen folgen. Jedes Suchkriterium, jeder Filter aber bietet gleichzeitig die Möglichkeit der Produktvariation. Ich habe keine Ahnung, wohin das führt. Ich bin nur gespannt, wann wir die Billionen-Grenze knacken. Wohlgemerkt: Angebote von deutschen Veranstaltern für den deutschen Markt, ohne dynamische Produktion.

Die Entwicklung stellt uns vor gewaltige technische Aufgaben. Schon heute betreiben wir riesige Serverfarmen mit zum Teil 72 CPUs je Rechner, die wir im Schnitt zu 80 Prozent auslasten. Doch die Zahl der Rechner und das Volumen in unserem Cache dürfen nicht im gleichen Maß steigen wie die Zahl der Angebote, das würde für alle Seiten zu teuer. Auch die Datenqualität soll nicht leiden, im Gegenteil, es ist unser erklärtes Ziel, Verfügbarkeit und Preisdarstellung laufend zu verbessern. Und schon gar nicht darf sich die Antwortzeit unseres Systems auch nur um eine Zehntelsekunde verlängern, das hätte direkte Auswirkungen auf die Kundenzufriedenheit.

Macht das langfristig Sinn?

Technisch werden wir das lösen, da mache ich mir keine Sorgen. Es stellt sich eher die Sinnfrage. Amadeus Leisure IT zählt jeden Tag rund 100 Millionen Suchanfragen. Wenn wir jede Anfrage mit 100 Angeboten beantworten (und zwar jede Anfrage mit 100 anderen), erblicken maximal 10 Milliarden Angebote am Tag das Licht eines Bildschirms – von 310 Milliarden. Das sind drei Prozent. 97 Prozent der Angebote werden nicht auch nur in Betracht gezogen. Das gibt schon zu denken. Einfach kürzen geht nicht, denn es bleibt die Frage: Welche drei Prozent von den 310 Milliarden werden ausgeliefert?

Um es mit dem „Handelsblatt“ zu sagen: Wer Suchfunktionen sät, wird Volumen ernten. Das spricht in keiner Weise gegen gute neue Suchfunktionen. Aber vielleicht wird die Spirale eines Tages einfach zu aufwändig. Mal sehen.

Über den Autor

Lothar Schmitz ist seit dem 1. Januar 2019 in der neuen Rolle als Solution Manager für die Produktentwicklung im Bereich Search, Book und Data Aggregation verantwortlich. In der Touristik ist…
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