Ein Lächeln wiegt mehr als Algorithmen

05.03.2019  /  4 Minuten Lesezeit

Künstliche Intelligenz verschiebt die Grenzen der Zusammenarbeit von Menschen und Maschinen. Wer seine Fähigkeiten wie Empathie, Kreativität und unabhängiges Denken stärkt, muss Veränderungen in der Arbeitswelt jedoch nicht fürchten.

Konzentriert euch auf das, was Menschen besser können als Maschinen und Künstliche Intelligenz!“ Das riet Jack Ma, Gründer des chinesischen Internet-Konzerns Alibaba, 2018 beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Was diese menschlichen Kompetenzen sind? Der Multimilliardär nannte „Werte, Überzeugungen, unabhängiges Denken, das Sich-um-andere-Menschen-Kümmern“. Die Botschaft des ehemaligen Lehrers: In Sachen Kreativität, Abstraktionsfähigkeit und Empathie sind wir Robotern und KI-Systemen überlegen. Wichtig ist deshalb, dass Menschen sich dieser Fähigkeiten bewusst sind und sie gezielt ausbauen. Der Perspektivwechsel ist dringend notwendig.

Grenzen der KI

Denn Maschinen ahmen menschliche Intelligenz zwar nur nach, und das auch mit unterschiedlichem Erfolg. So fallen ihnen logische Entscheidungen in einem begrenzten Gebiet deutlich leichter (Computer schlagen in von klaren Regeln bestimmten Strategiespielen sogar Weltmeister) als zum Beispiel die Orientierung in turbulenten Verkehrsräumen (wichtig für die Zukunft des automatisierten Fahrens) oder die Analyse von Emotionen (entscheidend für eine natürliche Sprachkommunikation mit Menschen). Aber dank neuer Algorithmen und maschinellen Lernens werden die Maschinen immer besser.

Erste Ergebnisse

Erste Ergebnisse dieser Entwicklung finden wir schon heute in der Lebenswirklichkeit: Es gibt Co-Working mit Robotern in Fabrik und Dienstleistung, digitale Spracherkennung hält in immer mehr Bereichen Einzug, ebenso die virtuelle Chat-Kommunikation. Die künftige Auswirkungen dieses Wandels werden allerdings noch viel größer sein – insbesondere in Bezug auf die Arbeitswelt. So sagt die 2018 erschienene Studie „The Future of Jobs“ des Weltwirtschaftsforums (WEF) voraus, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt global bis zum Jahr 2025 etwa 75 Millionen Arbeitsplätze überflüssig machen könnte.

Maschinen als Unterstützung, nicht Ablösung

Trotzdem sollten Menschen den Kollegen Roboter nicht fürchten, sondern ihn als Unterstützung wertschätzen lernen. Denn menschliche Kompetenzen wie Empathie, Kreativität oder Verantwortungsbewusstsein werden auch im Arbeitsmarkt der Zukunft dringend gebraucht. Im genannten Zeitraum, so die Prognose des WEF, könnten daher durch die Digitalisierung bis zu 133 Millionen neue Jobs entstehen: „Industrie 4.0“, die digitale Durchdringung so gut wie aller Wirtschaftsprozesse, bedeutet schließlich nicht, dass Maschinen den Menschen eins zu eins ersetzen.

Allianz von Mensch und Maschine

Vielmehr arbeiten Roboter und KI-Systeme immer häufiger mit uns zusammen. Außerdem werden viele neue Arbeitsplätze entstehen, um die vierte industrielle Revolution zu verwirklichen. Zum Beispiel die Vernetzung: Derzeit arbeitet der Maschinenbau mit Hochdruck daran, einheitliche Sprachen für die Kommunikation von Robotern untereinander zu entwickeln. Ein Selbstläufer ist die positive Entwicklung aber nicht. Der Alibaba-Gründer nennt vor allem die Bildung als zentrales Handlungsfeld für die Zukunft: „Wenn wir heute nicht die Art und Weise verändern, wie wir unterrichten, sind wir in 30 Jahren in großen Schwierigkeiten“, sagte er im Frühjahr 2018.

Bildung muss die Muse fördern

Ma forderte die Weltgemeinschaft dazu auf, das wissensbasierte Lernen abzulösen. Was Bildung stattdessen brauche? Mehr Musik, mehr Kunst,
mehr Kreativität! Etwas differenzierter ordnet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Sache ein: Tatsächlich würden künftig im Berufsleben die von Jack Ma genannten Fähigkeiten wichtiger als heute. Aber diese könnten auch im klassischen Fächerkanon durch neue Ansätze des Lernens vermittelt werden.

Co-Working statt Kampf

Co-Working von Mensch und kollaborativen Robotern (Cobots) betrifft längst nicht mehr nur die Industrieroboter. Auch die Tourismus-Branche erprobt, wie Roboter und intelligente Computersysteme sich als Kollegen sinnvoll einbringen können. Beispiel Reisebüro: Amadeus hat bereits 2017 auf der ITB gezeigt, wie der humanoide Roboter Pepper Kunden empfängt und im lockeren Gespräch die Rahmendaten für deren Reisewünsche erkundet. In eine ähnliche Richtung geht die Projektstudie Alita, der „Amadeus Linguistic Intelligent Travel Assistant“, der im laufenden Gespräch Fakten rund um die geplante Reise erkennt und entsprechend die Angebote eingrenzt.

KI schafft Freiräume für Expedienten

Solche Lösungen schaffen dem Mitarbeiter Freiräume: für eine kreative Beratung der Kunden, die Wünsche erkennt, diese umsetzt und damit echte Begeisterung weckt. Die Fähigkeiten dafür bringen erfahrene Expedienten schon heute mit. Dennoch, so betont Jane Hart, Gründerin des britischen Centre for Learning & Performance Technologies: „Unternehmen sollten kollaboratives Lernen am Arbeitsplatz unterstützen und dazu eine Kultur des Wissensaustauschs fördern.“ Es wird also notwendig sein, die Aus- und Weiterbildung an die neuen Rahmenbedingungen anzupassen – was durchaus als Appell an die Gestalter der Lehrpläne von Reiseverkehrskaufleuten zu verstehen ist.

Eigenes Können stärken

Die eigenen Fähigkeiten zu stärken, heißt freilich nicht, die neuen Techniken zu ignorieren. Denn Kunden, die nicht von Robotern angesprochen
werden möchten, gehen zwar „zu den Menschen ins klassische Reisebüro“, wie Cornelius Meyer, Vorstand Marketing & Vertrieb der Reisebüro-
Kooperation Best-Reisen, im Amadeus Blog bilanziert. Aber nur, wenn der stationäre Vertrieb „seine digitalen Hausaufgaben gemacht hat, ist er
bestens für diese neue Welt positioniert“.

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