Digital Detox – Hoffnung durch digitale Auszeit

18.01.2018  /  4 Minuten Lesezeit
Autor:
Prof. Dr. Claudia Brözel

Amadeus Blog: Das Smartphone will niemand mehr missen. Für Menschen, die allzu häufig ihr Gerät zücken, gibt es Angebote – und eine realistische Chance auf Heilung.

Der erste Blick morgens gilt schon lange nicht mehr dem Menschen im Bett neben Ihnen, sondern Ihrem Smartphone? Bevor Sie bei einer wunderbar angerichteten Speise zu essen beginnen, teilen Sie zuerst ein Bild auf Instagram? Besonders auf Reisen muss jeder Sonnenuntergang auf Facebook gepostet werden, damit auch alle sehen, wie schön es bei Ihnen gerade ist?

Das alles sind Zeichen, die vermutlich viele von uns kennen, und die seit geraumer Zeit auch medizinisch diskutiert werden. Das Smartphone ist für viele von uns zu einer Art Körperteil geworden. Denn ohne Smartphone fehlt uns alles: Kontakte, Informationen, Orientierung und Sozialleben – oder auch die App, die unsere Gesundheit überwacht.

4,4 Stunden pro Tag online

Vor zehn Jahren kamen die ersten Smartphones auf den deutschen Markt. Selbst Grundschüler haben heute eines. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young vom Juni 2017 besitzen 78 Prozent aller Deutschen ein Smartphone, es ist hierzulande der Hauptzugang zum Internet.

Insgesamt sind die Deutschen im Schnitt 4,4 Stunden pro Tag im Netz. Besonders junge Erwachsene im Alter von 21 bis 30 Jahren sind fast immer online. Sie verbringen täglich im Schnitt sieben Stunden im Netz, bei den über 60-jährigen sind es immerhin auch noch mehr als zwei Stunden.

USA: Zeltlager für analoges Leben

In den USA war diese „obsession“ schon 2010/11 sehr deutlich und findige Kalifornier entwickelten die ersten „Digital Detox Camps“, die sich einem regen Zuspruch erfreuen. In dieser Art moderner Zeltlager muss man beim Betreten des Geländes alle digitalen Endgeräte abgeben – sie werden in Schließfächern verwahrt. Das Konzept sieht vor, dass das Camp sehr naturnah ist, man sich viel draußen aufhält und sich komplett auf Natur und die Menschen einlässt. Alles, was mit dem Smartphone in der Hand eben häufig zu kurz kommt.

Schweiz als Vorreiter in Europa

In Europa hat die Destination Schweiz diese Idee ebenfalls bereits 2011 aufgegriffen und eine sehr erfolgreiche Online-Kampagne „Urlaub ohne Internet“ lanciert – bis heute eine der erfolgreichsten Online-Destinationskampagnen im europäischen Tourismus. Bei der Kampagne bewarben sich knapp 15.000 „Online-Freaks“ für eine Woche erholsamen Urlaub in der Seewlihütte im Kanton Uri – garantiert ohne Internet und Handyempfang. Der Gewinner konnte zehn seiner besten Facebook Freunde zum Hüttenurlaub mitnehmen. Dazu gab es Vollpension und Reisespesen im Wert von ca. 1.500 Schweizer Franken.

Nachdem das Thema „Digital Detox“ in Europa angekommen war, sprangen viele Hoteliers, Gastronomen und Destinationen auf das Thema auf. Diejenigen, die in abgelegenen Regionen mit einer schlechten Internetverbindung lagen, sahen hierin eine neue heilsbringende Marketingstrategie. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn zu den äußeren Bedingungen (keine Internetverfügbarkeit) kommt zu einem tatsächlichen „Detox“ auch die persönliche Entscheidung hinzu – und eben ein spezielles Angebot.

Drei Master-Arbeiten über Digital Detox

Mittlerweile liegen drei verschiedene Master-Arbeiten* aus dem Studiengang Nachhaltiges Tourismusmanagement zur Digital Detox Thematik vor. 2014 analysierte Hannah Schwammborn die Angebotsseite und entwickelte eine wissenschaftliche Basis zur Einordnung des Phänomens. 2015 untersuchte Alissa Rottmann die „Wirksamkeit von Reiseangeboten auf ihre Nachfrager hinsichtlich einer selbstbestimmten Internetnutzung mit mobilen Endgeräten im Alltag“ und kam zum Schluss, dass die Erfahrung eines „Digital-Detox-Urlaubes“, den Alltag der Testpersonen tatsächlich positiv verändert hat.

Entgiften auch bei „heavy usern“ nicht immer notwendig

2016 dann untersuchte David Riedel „den Bedarf an Digital-Detox-Angeboten für die Berliner Digitalwirtschaft“ und nahm damit eine spezielle Zielgruppe, nämlich die Start-Up-Szene Berlins, unter die Lupe. Er kam interessanterweise zum Schluss, dass die Teilnehmer seiner Studie – allesamt extreme Nutzer digitaler Infrastruktur – einen sehr bewussten und reflektierten Umgang mit der Technologie pflegten und besondere Urlaubsangebote nicht zwingend benötigten. Als Team-Building-Maßnahme und im Unternehmenskontext besitzen Digital-Detox-Angebote mit einem entsprechenden Inhalt aber durchaus großes Potenzial.

Und schließlich: Die Zahlen

Weltweit sind 3,86 Milliarden online (knapp 52% der Weltbevölkerung), dabei liegt die Durchdringungssrate (also der Anteil der Onliner in Relation zur Bevölkerung) in Nordamerika bei 88%, in Europa bei 80% und in Australien bei knapp 70%.

Die Länder mit der höchsten Durchdringungsrate sind:

  • Falkland Inseln (97%)
  • Island (97%)
  • Bermuda (95%), Norwegen + Schweden + Dänemark (95%)
  • Niederlande, Andorra, Curacao, Liechtenstein (94%)
  • Deutschland liegt mit 86,2% auf Platz 25 und USA mit 84% auf Platz 29

(Alle Angaben laut Internet World Stats)

Facebook hat nach eigenen Angaben 1,32 Milliarden Nutzer, die täglich aktiv sind (Juni 2017) und 2 Milliarden aktive Nutzer im Monat.

 

 

*Master-Arbeiten: Schwammborn, H. (2014) „Ferien ohne Internet. Angebotsanalyse und das Entwicklungspotenzial von suffizienzanregenden Tourismusformen“ Masterarbeit an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung, Eberswalde. Betreut durch Prof. Dr. Claudia Brözel und M.Sc. Pascal Bieri, Head MySwitzerland Production und Datanetwork. Rottmann, A. (2015) „Digital Detox“ im Tourismus: Untersuchung der Wirksamkeit von Reiseangeboten auf ihre Nachfrager hinsichtlich einer selbstbestimmten Internetnutzung mit mobilen Endgeräten im Alltag“ Masterarbeit an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung, Eberswalde. Betreut durch Prof. Dr. Claudia Brözel und M.Sc. Pascal Bieri, Head MySwitzerland Production und Datanetwork. Riedel, D. (2016) „Analyse des Bedarfs an Digital-Detox-Angeboten in der Berliner Digitalwirtschaft“ Masterarbeit an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung, Eberswalde. Betreut durch Prof. Dr. Claudia Brözel und M.A. Julie Spielmann, Head of Marketing, Panono.

Über den Autor

Professor Dr. Claudia C. Brözel startete ihre Karriere in der Hotellerie mit einer klassischen Ausbildung, studierte Tourismus-Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Heilbronn und war im Anschluss bis heute 30 Jahre im…
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