Die neuen Meinungsmacher

20.04.2017  /  1 Kommentar

Influencer, Meinungsführer im Internet, beeinflussen mit Botschaften und Tipps das Verhalten ihrer Fangemeinde – auch das Kaufverhalten. Das macht sie auch für Reiseunternehmen interessant.

Haben die Beckers, Ballacks und Beckenbauers ausgedient? Statt der bekannten Fernseh-Promis werben immer öfter bis dato völlig unbekannte Namen für alle möglichen Markenprodukte, ob Klamotten, Schmuck oder Reisen. Sie heißen Julien Bam, Bibi, Dagibee oder Magic Fox. Und ihre Medien sind nicht TV und Zeitschriften, sondern YouTube, Instagram und Co. Die Fan- und Follower-Zahlen gehen teilweise in die Millionen.

Wasserrutschen-Test für Neckermann

Kein Wunder, dass die Werbewirtschaft die neuen „Influencer“ – wörtlich übersetzt „Beeinflusser“ – entdeckt hat. Etwa Neckermann Reisen: Vor gut zwei Jahren hat Bianca Heinicke alias Bibis Beauty Palace erstmals für den Veranstalter Strände und Wasserrutschen getestet, was zu einem gewissen Run junger Leute auf die Neckermann-Kataloge in den Reisebüros geführt hat. Anschließend hat die YouTube-Bulldogge Miüda das neue Herzlogo des Veranstalters präsentiert. Und gerade erst war Internet-Comedian Julien Bam auf Einladung Neckermanns auf Bali.

Für Martin Widenka, Social-Media-Manager von Thomas Cook, spielt dieses „Influencer-Marketing“ – bei dem Social-Media-Stars dafür bezahlt werden, dass sie ihren Fans mit Fotos und Videos die Botschaft eines Unternehmens näherbringen – mittlerweile eine wichtige Rolle: „Wir erreichen neue Zielgruppen, erhalten große Reichweite und teilweise sehr kreativen Content“, schwärmt Widenka. Er steht damit nicht allein: Allerorten ist ein gewisser Hype entflammt: Influencer-Agenturen schießen ebenso aus dem Boden wie Influencer-Plattformen, die Firmen und Meinungsmacher zusammenbringen.

Was sind Influencer?

Doch wie funktioniert dieses Geschäft eigentlich – und wie kommt man da rein? „Zunächst muss man differenzieren“, sagt Catharina Fischer, ehemalige Social-Media-Strategin der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) und heute Beraterin. Influencer könne zunächst einmal jeder sein, der die Macht habe, Handeln und Denken einer Masse von Menschen zu beeinflussen. Etwa YouTuber wie Bibi, die vor allem sich selbst vermarkten – im Reisebereich nennt Fischer etwa Louis Cole oder Steve Booker. Auf der anderen Seite stehen „Videographer“, die auf Inhalt setzen – etwa die Story Travelers oder Matty Brown.

Und natürlich die Travel Blogger, zu denen etwa Anja Beckmann gehört. Die Journalistin hatte nach ihrer Weltreise 2012 den Blog „Travel on Toast“ begonnen, der es im Ranking von Touristik Medien unter die Top 10 der besten Reiseblogs geschafft hat. Er liegt damit also recht weit vorne unter den geschätzten 2.500 Reiseblogs in Deutschland. Auch Beckmann arbeitet mit Unternehmen zusammen, berichtet über Zielgebiete, in die sie eingeladen wurde, testet gegen Geld eine Reisekreditkarte oder auch mal ein neues Automodell. Ähnlich machen es ihre zahlreichen Kollegen. Auf der diesjährigen ITB in Berlin waren nicht weniger als 450 Blogger akkreditiert.

Zusammenarbeit mit Bloggern

Anja Beckmann
Rät zu gezielten Kooperationsanfragen: Bloggerin Anja Beckmann

Gegenüber den klassischen Medien können Blogger, YouTuber und Instagrammer einen Pluspunkt für sich verbuchen: Die Beziehung zu ihren Lesern ist „persönlicher“, wie Beckmann sagt. „Hinter jedem Blog steht eine Person, der ihre Follower vertrauen.“ Was die Meinungsmacher ihrer Fangemeinde erzählen, glaubt diese. „Das müssen Unternehmen wissen“, sagt Beraterin Fischer. Denn damit ein Influencer gegenüber seiner Gefolgschaft glaubwürdig bleibt, müssen Produkt und Unternehmensbotschaft zu ihm passen. Das ist manchmal ein schmaler Grat.

Zusammenarbeit mit Bloggern

Deshalb funktioniert die Zusammenarbeit mit Bloggern selten über klassische Werbeanzeigen, sondern eher über „Kooperationsangebote“, die beiden Seiten nützen. Und das ist nicht schwierig. „Schicken Sie dem Blogger einfach eine Mail mit Kooperationsideen“, empfiehlt Beckmann, etwa für ein Gewinnspiel, ein gemeinsames Video oder eine Expertentipp-Serie. Berührungsängste müsse niemand haben, bestätigt auch Beraterin Fischer. „Blogger sind meist offen, denn sie leben ja von kreativem Content, den ihre Follower liken oder teilen können.“ Und gerade die Reisebüros verfügten da über reichlich Informationen und Know-how.

Profis kosten Geld

Reisebüros und anderen Marketingeinsteigern empfiehlt Beckmann, zunächst thematisch passende Blogs zu recherchieren und diesen zu folgen. Etwa zu bestimmten Zielgebieten, Urlaubsarten oder sonstigen Interessen. So könne man passende Blogger „besser kennenlernen“ und ihnen die „richtigen Angebote“ machen. Beckmann selbst etwa schreibt weder über Familien- noch über Deutschlandurlaub. „Dennoch bekomme ich regelmäßig Anfragen dazu.“ Einen schnellen Überblick über die Blog-Welt liefert bereits eine einfache Google-Suche mit Stichworten wie „Reiseblog“ oder „Travel Blog“. Eine Übersicht deutscher Reiseblogs findet sich auch im Adressbuch Touristik Medien.

Allerdings: „Professionelle Influencer-Kooperationen kosten Geld“, weiß Beraterin Fischer. „Die Blogger haben schließlich Zeit und Geld in Aufbau und Sichtbarkeit ihrer Plattformen gesteckt.“ Man müsse ja auch nicht gleich die Großen angehen, empfiehlt Bloggerin Beckmann, sondern könne zunächst mit kleineren Blogs starten.

Boom des Influencer-Marketings

Und wie verändert das Influencer-Phänomen die Medienlandschaft? „Es führt zu einer Zerfaserung“, sagt der Journalist Hans-Werner Rodrian, einer der Macher von Touristik Medien, „und das wird anstrengend.“ Für Werbetreibende mögen die zahlreichen kleinen Blogs mit teilweise recht speziellen Themen „nicht uninteressant“ sein, so Rodrian. Doch auf die individuellen Bedürfnisse vieler Kooperationspartner einzugehen, bedeute auch „viel Arbeit“.

Glaubt man indes den Marketing-Experten, steht der große Boom des Influencer-Marketings erst noch bevor. Denn die Zielgruppe wächst. Junge Menschen, die mit den sozialen Medien groß geworden sind und fast nichts anderes mehr kennen, legen dieses Verhalten auch beim Älterwerden nicht ab.

Und wem folgen Sie?

Buch-Cover mit Frau, die in ungedrehtem Sonnenschirm auf Wasser schaukelt

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Und wem folgen Sie?

Und hier noch ein Bericht über Deutschlands Top-Influencer. Lesenswert!

1 Kommentar

  1. Colleen Müller sagt:

    Spannender Artikel. Wenn ich eine Reise plane, hole ich mir gerne vorab ein paar Insider-Tipps von Reiseblogs.

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