Die Mixed-Reality-Revolution läuft bereits

12.06.2019  /  4 Minuten Lesezeit
Autor:
Christian Rosenbaum

Amadeus Blog: In klassischen Reisebüros haben Virtual Reality und Mixed Reality trotz aller Chancen noch nicht die Herrschaft übernommen. In der Geschäftsreise sieht das völlig anders aus, hat Christian Rosenbaum beobachtet: Mixed-Reality-Brillen sind dabei, die Reiseprogramme zu revolutionieren.

Wenn in der Reisebranche von Virtual Reality oder Mixed Reality die Rede ist, geht es meistens um die Beratung zu touristischen Zielen: Wie vermittle ich den Kunden ein möglichst realistisches (und verlockendes) Bild vom Flugzeug, Kreuzfahrtschiff oder Zielgebiet? Amadeus zum Beispiel arbeitet an Virtual-Reality-Anwendungen, innerhalb derer die Reisesuche sowie eine vollständige Buchung inklusive Bezahlung möglich ist. Für touristische Hotspots hatte die griechische Firma Moptil (Mobile Optical Illusions) eine weitere gute Idee: Sie entwickelt wissenschaftlich fundierte virtuelle 360-Grad-Ansichten dazu, wie antike Stätten früher aussahen.

Touristik in allen Ehren – der wahre Punk aber geht in den Unternehmen ab

Mixed-Reality-Anwendungen haben dort inzwischen einen Reifegrad erreicht, der anfängt, sich spürbar auf die Geschäftsreisen auszuwirken: So manche Reise wird überflüssig. Folglich könnte sich die Zahl der Interkontinentalflüge sowie die Hotelübernachtungen drastisch reduzieren. Der Verband Deutsches Reisemanagement arbeitet derzeit an einer Studie, die das belegen soll. Eine erste interne Studie bei Thyssenkrupp scheint dies bereits zu belegen, wie der Global Travel Manager, Jürgen Loschelder, berichtet.

Wie geht das? Zwei Beispiele.

Thyssenkrupp verlegt die Kundenberatung in die Virtualität

Thyssenkrupp Elevator, die Aufzugssparte des Essener Technologie-Konzerns, hat zusammen mit Zühlke und Microsoft den nach eigenen Worten „weltweit ersten vollständig digitalisierten Verkaufsprozess für die Treppenlift-Branche“ entwickelt. Mit der HoloLens von Microsoft können das Verkaufspersonal und die Kunden am Ort sowie die Spezialisten in der Zentrale den gewünschten Treppenlift gemeinsam und gleichzeitig in allen Details konfigurieren und einpassen. Die HoloLens blendet die digitalen Bilder in den realen Raum ein und dient dabei zusätzlich als Vermessungsinstrument, das die Koordinaten der Treppe genau erfasst. Die Kunden sehen, wie sich der Lift in ihrer Treppe machen wird, ihre Wünsche lassen sich direkt in dreidimensionale und begehbare Bilder umsetzen. Wenn alle zufrieden sind, werden die Daten sofort in die Produktion überspielt. Der Prozess, versprechen die Unternehmen, führt viermal schneller zum installierten Lift, nämlich innerhalb von 14 statt bisher in 40 bis 70 Tagen.

Der Hauptgrund, und jetzt kommt’s: Es müssen keine Spezialisten mehr zum Kunden und mit den Daten im Gepäck zurück nach Hause reisen.

Nach einer Pilotphase mit 300 Treppenlift-Installationen ist die HoloLens-Anwendung mit dem Namen HoloLinc inzwischen oder sehr bald auch in Deutschland, Belgien, Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, Norwegen und Japan im Einsatz, insgesamt bei 120 Vertrieblern. Die Welle rollt.

Jungheinrich unterstützt die Wartung über Datenbrillen

Beispiel 2: Jungheinrich, weltweit agierender Spezialist für Intralogistik, also die Logistik innerhalb von Unternehmen, hat eine HoloLens-Anwendung für die Wartung und Reparatur von Gabelstaplern entwickelt. Das geschah ebenfalls zusammen mit Microsoft und Zühlke (Video).

Ziel ist es, die Prozesse für Wartung und Reparatur international zu standardisieren. Die Techniker, die vor dem geöffneten Stapler stehen, holen sich Remote-Support von Fachleuten, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. Gemeinsam sehen sie die reale Technik wie auch die interaktiven Hologramme, die die Datenbrille über den zu reparierenden Stapler projiziert. Die Fachleute geben Hilfestellung, als säßen sie direkt daneben. Wie bei Thyssenkrupp wird Spezialistenwissen auf virtuellem Wege in die Realität am Ort gemischt.

Die Folge: Es müssen weniger Wartungsfachleute zu Kunden reisen.

Zühlke Engineering, bei beiden Projekten im Boot, spricht im oben verlinkten Video von drei Anwendungsbereichen für solche „digitalen Zwillinge“: die Kundenbetreuung wie im Beispiel Treppenlifte, die Unterstützung von Mitarbeitern an entfernten Standorten wie im Beispiel Staplerwartung und die gemeinsame Entwicklung von Produkten.

Wenn Ingenieure aus verschiedenen Teilen der Welt um ein digitales Modell herumlaufen können, das ihnen die Datenbrille zeigt, wenn sie Dinge verändern und ausprobieren können und alle in der Gruppe das live und in Farbe verfolgen – auch dann ist einer der Effekte, dass eine spürbare Zahl von Reisen schlicht überflüssig werden. Siemens zum Beispiel arbeitet am Einsatz von Datenbrillen in der Entwicklung von Industrie-Dampfturbinen.

Digitalisierung in solchen Dimensionen geht weit über nahtlose Reiseprozesse hinaus. Das hat auch nichts mit den guten, alten Videokonferenzen zu tun. Diesen Unternehmen geht es darum, große Teile der Wertschöpfungskette mit digitalen Mitteln völlig neu zu gestalten.

Auswirkungen aufs Travel Management

Weniger Reisen bei gleicher Qualität – für die Unternehmen und auch für manchen Vielreisenden ist das eine gute Nachricht. Das Travel Management als interner Dienstleister muss dabei am Ball bleiben. Wo weniger gereist wird, brauchen Verträge mit Fluggesellschaften und Hotelanbietern möglicherweise einen neuen Rahmen, damit nicht plötzlich finanzielle Forderungen aus einem Malus im Raum stehen, weil die Abnahmeziele nicht erreicht wurden. Auch die Reiserichtlinien müssen unter Umständen angepasst werden.

Travel Manager tun daher gut daran, den Einsatz von Datenbrillen in den verschiedenen Abteilungen ihrer Unternehmen genau im Blick zu behalten. Und wieder verschiebt sich ihr Aufgabenfeld ein Stück fort vom klassischen Travel Management und hin zu einem breiter verstandenen und umgesetzten Mobilitäts-Management.

 

Über den Autor

Christian Rosenbaum ist ein Urgestein im Managed Business Travel Geschäft und seit 1997 im Business Travel Umfeld tätig. Stationen wie BTI EuroLloyd, Hapag Lloyd, TQ3/BCD, TUI und seit fast 13…
Mehr über den Autor

Schreiben Sie einen Kommentar