Der Zauber des Anfangs

20.07.2017  /  2 Minuten Lesezeit
Autor:
Juliane Siekmann

Amadeus Blog: Ich bekenne - Ich bin im Prinzip gerne zur Schule gegangen. Und besonders gefreut habe ich mich auf den Beginn eines neuen Schuljahres:

Die Aussicht auf Schreibhefte ohne Eselsohren und Blöcke ohne Fettflecken war das sichtbare Versprechen auf einen kompletten Neuanfang. In den ersten Wochen des neuen Schuljahrs war ich stets sehr bemüht, ganz besonders sauber und ordentlich meine neuen Hefte zu füllen.

War dann das Schuljahr fast vorbei, war es auch um die Disziplin nicht mehr ganz so gut gestellt. Aber das machte nichts. Es gab ja wieder diese wunderbaren sechs Wochen Pause, und die gerade abgeschlossene Klassenstufe war Vergangenheit, konnte als „fertig“ säuberlich weggepackt werden.

Und dieses „Fertig“ mit der Chance, wirklich zeitlichen Abstand zu gewinnen, bevor das nächste startet, fehlt mir heute im Arbeitsalltag. „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ ist zum Schlachtruf der Zeitmanagementgläubigen und Effizienzhörigen geworden. Wenn ein Projekt erfolgreich beendet ist, bleibt kaum Zeit, diesen Abschluss auch zu würdigen, denn es wartet schon der nächste Kunde, die nächste Baustelle. Der eigene Urlaub wird irgendwie dazwischen gequetscht. Manchmal sogar mit schlechtem Gewissen, fast immer aber mit dem Gefühl, etwas Unfertiges zurückzulassen, das einen nach der Rückkehr sofort wieder einholt und die Erholung zunichtemacht

Sommerferien für alle

Schade eigentlich. Was in der Schule selbstverständlich war, fehlt im Arbeitsleben nahezu komplett: das äußere Sichtbarmachen von zeitlicher Entwicklung. 1. Klasse, 2. Klasse, 3. Klasse: Ich bin nicht mehr dieselbe wie vor einem Jahr, ich bin gewachsen und habe mich verändert. Selbst das gleiche Thema wird im nächsten Schuljahr anders behandelt, es wird ein anderer (reiferer) Zugang erwartet als zuvor. Und für diese Reife braucht es Zeit. Auch Auszeit.

Deshalb plädiere ich für sechs Wochen Sommerferien für alle. Was in der Schule, in der Automobilindustrie und beim Fernsehen möglich ist, sollte auch anderswo umsetzbar sein. Vorher müssen aber alle Projekte und Aufgaben abgeschlossen sein, damit nach den sechs Wochen ein Neuanfang wirklich gelingen kann und während der Auszeit eine Vorfreude auf das Neue wachsen kann. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“ wusste schon Hermann Hesse. Diesen Zauber des Anfangs möchte ich immer wieder erleben.

Sie halten mich für eine Utopistin? Vielleicht. Aber während meines Sommerurlaubs werde ich mir für meine Notizen auf der Arbeit eine schöne neue Kladde kaufen, ohne Eselsohren und durchgestrichene Ideen. Und da freue ich mich jetzt schon drauf.

In diesem Sinne: Schöne Ferien!

Über den Autor

16 Jahre lang leitete Juliane Siekmann die interne Reiseredaktion der Amadeus Tochter Traveltainment und baute mit ihrem Team einen umfangreichen Bestand an Reiseinformationen für Urlauber auf, der über die Internet…
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