Dark Tourism – ein neuer Trend?

30.07.2019  /  2 Minuten Lesezeit
Autor:
Beate Zwermann

Amadeus Blog: Können Orte, die mit negativen und gar schrecklichen Ereignissen verbunden sind, unsere immer größer werdende Sucht nach dem ultimativen Erlebnis stillen? Eine Bestandsaufnahme von Beate Zwermann.

Sind Sie schon mal durch die Tunnel von Cu Chi gekrochen, in denen sich die Vietcong vor den Amerikanern versteckten, und haben im Anschluss für einen Dollar pro Gewehrladung mal ordentlich auf Vietcong-Attrappen geballert? Ich schon. Denn ich wollte wissen, was die US-Vietnamkriegsveteranen fühlen, wenn Sie an den Ort ihrer größten Niederlage zurückkehren und in die Fußstapfen ihrer Gegner schlüpfen. In Vietnam sind diese Art von Attraktionen extra für die Veteranen und Nachfahren der US-Soldaten geschaffen worden. Und es gibt Spezialveranstalter, die „Vietnam War Tours“ und „Memory Vietnam War Tours“ anbieten.

Von Geisterstädten über Killerwale bis zu Kriegsschauplätzen

Seit der Netflix-Serie „Chernobyl“ zieht die Geisterstadt Prypjat jährlich 50.000 Touristen an. Vor Ort bewundern sie einen verlassenen Freizeitpark, wo Gondeln des Riesenrads vor Rost braun schimmern und die Autoscooter von Gras überwuchert sind. Verwaiste Häuser mit kaputten Fensterscheiben säumen die leeren Straßen der Stadt. Jeder Schritt, jede Bewegung hallt nach. An wohl kaum einem anderen Ort kann man Leere so bewundern wie hier. 1986 explodierte der Reaktor 4 des Kernkraftwerks von Tschernobyl. Die Strahlenbelastung ist heute noch dreimal so hoch wie in Deutschland. Also nichts wie hin? Der Eintritt in diesen Horrorfilm kostet 80 Euro und beginnt in Kiew. Zu buchen ist die Tagestour auch bei Getyourguide.

Netflix strahlt außerdem eine Serie mit dem Namen Dark Tourism aus. Hier der Link.

„Ich habe schon alles gesehen außer Killerwale. Wo gibt’s die?“ fragte mich vor kurzem ein Freund und gab damit den Anstoß zu meinen Recherchen. Auch ihm kann geholfen werden. Allerdings sind Orcas keine Menschenfresser, sondern lieben Fisch, das Fleisch von Robben und anderer Wale. Mein Tipp für den Freund: Der Walplaner auf Whaletrips.

Wer zu den oben genannten Angeboten recherchiert, landet schnell auf Seiten, die den DARK TOURISM zu einem Trend erklären, den nichts mit den üblichen Urlaubsgefühlen verbindet. Millionen von Reisenden konfrontieren sich im Urlaub freiwillig mit der bitteren Geschichte eines Landes oder Ortes wie Ground Zero, dem Wald der Selbstmörder in Japan, Tschernobyl, Kambodschas Killing Fields und Fukushima. Oder sie reisen an Schauplätze, an denen Krieg und Entbehrung wüten, wie Syrien oder Nordkorea. In einer Welt, die getrieben ist von maximalen Erlebnishunger (neudeutsch Experiences) ist davon auszugehen, dass auch negative Gefühle und deren Orte weiter Karriere machen.

Zurückhaltung bei den Deutschen

In Deutschland scheinen die Reiseanbieter beim DARK TOURISM zurückhaltender zu sein als ihre internationalen Kollegen. Die Killing Fields von Kambodscha und der Ground Zero werden manchmal im Rahmen von Rundreisen besucht, Fukushima gar nicht und auch nach Syrien treibt es derzeit niemanden. Heißt das, es gibt in Deutschland keine Nachfrage? Ist das eine Marktlücke für Start-ups? Vielleicht. Man könnte aber auch zu dem Schluss kommen, dass wir zwar unangenehm als Unfall-Gaffer auffallen, aber als Zaungäste des Weltgeschehens täglich schon genug Grausamkeiten medial präsentiert bekommen. Wer muss da noch an Trauerorte reisen und tote Seelen erspüren. Sie?

Über den Autor

Beate Zwermann war von 2007 bis 2019 als externe Pressesprecherin für Amadeus Germany, die Amadeus IT Group und seit 2013 auch für Traveltainment (heute Amadeus Leisure IT) unterwegs. Die gelernte…
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