Buchungstechnik zwischen den Stühlen

24.11.2015  /  3 Minuten Lesezeit
Autor:
Bernd Schulz

Amadeus Blog: Vor kurzem saß ich zwischen zwei Stühlen – und zwar auf offener Bühne.

Links von mir verfocht Mette Louise Skjærbæk von Lego ihr Konzept eines Travel Managements auf der Basis von Richtlinien: Sie hat alle Fäden in der Hand und gibt den Reisenden die bevorzugten Partner und vor allem auch die Buchungswege vor. Rechts von mir saß Aoileann Banks von Google, die den genau entgegengesetzen Weg geht: Im Open-Booking-Verfahren steht es allen Google-Reisenden frei zu buchen, was und wo sie möchten. Es reicht, wenn einige Grundregeln eingehalten werden, die auf zwei Bildschirmseiten passen.

Diese beiden Sichtweisen spiegeln nicht nur zwei Travel-Management-Philosophien. In ihnen fokussiert sich auch eine wichtige Diskussion – nämlich: Ist es in Ordnung, wenn Reisende direkt mit Fluggesellschaften, Hotels und Buchungsportalen in Kontakt treten? Anders gefragt: Steht die Wertschöpfungskette im Geschäftsreisemarkt vor einem tief greifenden Umbruch?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion, die GBTA und VDR auf ihrer Herbsttagung in Frankfurt am Main zum Thema veranstalteten, sahen den Umbruch noch nicht vollzogen und zum Teil auch kritisch.

Klar, viele Leistungsträger haben Interesse daran, die Wertschöpfungskette abzukürzen und Reisende direkt anzusprechen. (Das passiert zum Beispiel dann, wenn sie die Konditionen umgehen wollen, die gewiefte Travel Manager ihnen abverhandelt haben.) Reiseverantwortliche, die sich darauf einlassen, verlieren Steuerungs- und Einflussmöglichkeiten. Sie müssen sich darauf beschränken, am Ende die Reise- und Abrechnungsdaten einzusammeln – und erfahren möglicherweise erst dann, was überhaupt gebucht wurde.

Die völlige Offenheit, wie sie Google während des Podiums vorstellte, halte ich daher für nicht unbedingt praktikabel. Zumal Aoileann Banks Google-Denken in Reinkultur vorstellte. Sie erlaubt es den Leistungsträgern nicht nur, die Google-Mitarbeiter direkt zu kontaktieren. Sie stellt sogar Mitarbeiter-Daten zur Verfügung, damit die Angebote passen. Und: Sie rechnet die Mitarbeiterkontakte über ein Punktesystem mit den Leistungsträgern ab.

Listen bevorzugter Hotels je Stadt finden die Google-Reisenden im Intranet. Leider hat Amon Cohen, der Moderator der Podiumsdiskussion, nicht nachgehakt, wie genau anhand dieser Tabellen Verfügbarkeiten abgefragt werden oder gebucht wird. Es klingt jedenfalls nicht so, als würden dabei schlanke Prozesse im Mittelpunkt stehen.

Verwerfungen in der klassischen Wertschöpfungskette gibt es allerdings schon. Michael Hucho zum Beispiel, bei Accor für den Vertrieb in Europa verantwortlich, sieht immer neue Spieler auftauchen, die sich in das Verhältnis zu seinen Firmenkunden einmischen. Sie führen dazu, dass Unternehmen die bisherigen Buchungswege umgehen und über nicht festgelegte Portale einkaufen statt über festgelegte Buchungsmaschinen. Hucho prognostiziert, dass in Zukunft auch der Buchungsweg Teil der Jahresverhandlungen wird.

Wenn es denn noch Verhandlungen gibt. Guillaume Bizet von der auf Geschäftsreisen spezialisierten Unternehmensberatung Areka Consulting geht noch weiter als Hucho und erwartet, dass sich statt der Jahresgespräche eine Art laufendes Beziehungs-Management etabliert. Schließlich seien auf Grund der hohen Zahl an Promotion-Tarifen auf dem Markt nur noch etwa 40 Prozent des Airline-Volumens Gegenstand von Verhandlungen, meistens geht es dabei um die Langstrecke. Hinter 60 Prozent aber stünden veröffentlichte und Sondertarife. Und Sondertarife werden gut sichtbar direkt zu den Reisenden gebracht. Mette Louise Skjærbæk von Lego nannte die gegenwärtige Lage kurz und bündig „einen Kampf zwischen Leistungsträgern und Unternehmen“. Er ist noch nicht entschieden.

Natürlich hat mich Moderator Amon Cohen gefragt, wie Amadeus dazu steht. Die Antwort ist einfach: Es ist das Ziel von Amadeus, die Geschäftsmodelle abzubilden, die für unsere Kunden einen Mehrwert bilden.

Beispiel Amadeus cytric: Für die Geschäftsreiselösung sind Direktanschlüsse etwa an Hotel- und Mietwagengesellschaften bereits vorhanden – wo sie einen Mehrwert bieten, schalten die Geschäftskunden sie ein. Beispiel Apps: Die Apps des Amadeus-Konzerns sind in der Lage, Daten von mehr als 800 Leistungsträgern zu importieren und darzustellen. Einzel-Apps von Anbietern sind daher schlicht nicht mehr nötig, außer vielleicht für Sonderfunktionen wie Meilenabfragen. Es bleibt der Vorteil unserer Apps, dass sie automatisch die Vorgaben und Richtlinien der Unternehmen abbilden.

Die Modelle der Wertschöpfungskette im Markt wandeln sich praktisch stündlich. Moderne Buchungstechnik wie die von Amadeus kann das jeweils verarbeiten. Insofern ist der Platz zwischen den Stühlen der natürliche Lebensraum eines GDS.

Die Podiumsdiskussion “Is it Time to Break The Travel Supply Chain?” war im November 2015 Teil der Tagung des Verbands Deutsches Reisemanagement und der GBTA. Die vollständigen Titel der erwähnten Kolleginnen und Kollegen lauten:

Aoileann Banks, Strategic Relationship Manager, Google

Guillaume Bizet, Partner, Areka Consulting

Michael Hucho, Vice President Distribution Central Europe, Accor Hotels

Mette Louise Skjærbæk, Category Manager Travel, Lego Group

Amon Cohen, Director, TravelWorld (Moderator)

Über den Autor

Bernd Schulz verantwortete bis Dezember 2016 als Geschäftsführer für Amadeus Germany die Märkte Deutschland, Österreich & Schweiz. Er war zuvor in diversen Funktionen im In- und Ausland in der Touristik…
Mehr über den Autor

Schreiben Sie einen Kommentar