Buchen ohne Computer, Zahlen ohne Inkasso

13.12.2017  /  3 Minuten Lesezeit
Autor:
Ralpf Schiller

Amadeus Blog:Das Jahr des 30. Geburtstags von Amadeus geht zu Ende. Zum Abschluss wirft Ralph Schiller, heute Group Management Director der FTI GROUP, einen Blick zurück auf die Anfangstage von Reiseland vor rund 28 Jahren. Kurz nach der Gründung des Franchiseunternehmens schaffte er es nämlich, in den neuen Bundesländern eine Reisebüro-Infrastruktur aufzubauen. Grob gesagt: ohne Computer, aber mit Amadeus.

Das waren wilde Zeiten, Anfang der 90er-Jahre. Wir hatten Reiseland gerade gegründet und machten innerhalb eines halben Jahres 30 Reisebüros in Ostdeutschland auf. In Nachtschichten räumten meine Mitgesellschafter Matthias Walter, Bernd Riedel und ich die Möbel in die Büros, um morgens zu eröffnen.

Zentrales Problem der Aufbauarbeit war, dass die einzelnen Büros keine eigenen Agenturnummern hatten. Das lief alles über die zentrale Nummer von Reiseland. Gleichzeitig lagen die Umsätze erstmal als Bargeld in den einzelnen Büros, denn es gab auch noch kein Direktinkasso, und Überweisungen aus den Büros in die Zentrale dauerten rund drei Wochen. Weil die Veranstalter dennoch pünktlich von unserem zentralen Konto abbuchten, entstanden erhebliche Liquiditätsengpässe, und die Bank drängte auf Ausgleich. Also fuhren wir mit dem Auto von Büro zu Büro, sammelten das Geld ein und legten es in der Zentrale in Northeim (Niedersachsen) in einen Tresor, bis die Bankfiliale aufmachte. Damit nichts wegkam, rollten wir unsere Schlafsäcke aus und schliefen einfach vor dem Geldschrank. Das geschah nur zwei- oder dreimal, reichte aber für eine Legende.

Dazu kam: Die Büros hatten zunächst keine Technik. Sie berieten aus den Papierkatalogen heraus und notierten sich die Buchungswünsche. Mitarbeiter aus der Zentrale waren dafür zuständig, die Büros zu festgelegten Zeiten abzutelefonieren, die Buchungswünsche aufzunehmen und in Amadeus einzugeben (damals noch Start). Das klingt umständlich – aber unser einziger Wettbewerber, das staatliche Reisebüro der DDR, versandte seine Buchungen sogar per Post. Wir waren daher die einzigen Reisebüros in den östlichen Landesteilen, die von einem Tag auf den anderen Reservierungen bestätigen oder Alternativen vorschlagen konnten.

Amadeus hat uns letztlich aus der Situation herausgeholfen, nämlich durch die Entwicklung mandantenfähiger Agenturverwaltungen. Damit konnten wir in der Zentrale die Buchungen den jeweiligen Reisebüros zuordnen, die Büros überwiesen das Geld an die Veranstalter, und die Reiseland-Zentrale samt Konto verlor ihre Funktion als Durchlauferhitzer. Die Notwendigkeit zur Entwicklung der Mandantenfähigkeit hat Amadeus damals sofort eingesehen. Die Veranstalter haben die Idee unterstützt – sie wollten ja auch wissen, woher die Buchungen genau kamen. Die Entwicklung hat ein bisschen gedauert, uns aber sehr weitergebracht.

Die Ausstattung der Reisebüros mit Buchungstechnik ging deutlich schneller, auch wenn wir zunächst mangels Datenleitungen per BTX arbeiten mussten. 1991 stand in jedem Reisebüro ein Amadeus Terminal. Und so entwickelte sich Reiseland Stück für Stück zu der erfolgreichen Franchise- und Ketten-Organisation, die sie heute noch ist.

Angesichts der heutigen Buchungsstrecken auf dem Smartphone, der umfangreichen Auswahl, sofortigen Verfügbarkeitsprüfungen und Buchungsbestätigungen, dynamischer Paketierung, Umbuchungen per App und den vielfältigsten Payment-Lösungen erscheint unser damaliges Vorgehen geradezu steinzeitlich. Aber: Das ist noch nicht einmal 30 Jahre her. Und es war eine wirklich gute Zeit, die ich gerne „meine dritte Lehrzeit“ nenne (nach meiner Ausbildung bei Neckermann und der Zeit im Reisebüro Moll in Dreieich).

Herzlichen Glückwunsch an Amadeus zum 30. Geburtstag! Es ist schön, wenn man Erinnerungen an wilde Anfangstage miteinander teilen kann.

Ralph Schiller im Jahr 2004 vor einem Bild, das Mitarbeiter über die Reiseland-Anfangstage gemalt haben. Mit den Initialen „R. S.“ ist rechts der schlafende Reiseland-Chef vor dem Tresor markiert.

Über den Autor

Ralph Schiller ist heute Group Managing Director der FTI GROUP. Der gelernte Reiseverkehrskaufmann begann seine Karriere in der Reisebüro Moll GmbH in Dreieich, wo er zuletzt Büroleiter war. 1990 wurde…
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