Braucht die Touristik überhaupt noch Touristiker?

25.09.2015  /  3 Minuten Lesezeit
Autor:
Bernhard Steffens

Amadeus Blog: Es ist wohl am besten, wenn ich mich gleich oute: Ich bin ein Branchenfremder in der Touristik, von Haus aus Wirtschaftsinformatiker mit starkem E-Commerce-Hintergrund. Und wenn ich mich so umschaue, dann finde ich ständig weitere Quereinsteiger in der Reisebranche – besonders erfolgreiche sogar.

Da wären zum Beispiel die Gründer von Urlaubspiraten.de – beide mit einem BWL-Studium ohne Tourismusexpertise ausgestattet, bevor sie dieses überaus innovative Online-Reisebüro gegründet haben. Oder nehmen wir Dr. Heinrich Blase, den Gründer von Check24.de: Er ist Diplombetriebswirt und Volljurist. Der Geschäftsführer für den Reisebereich bei Check24.de ist Georg Heusgen, ein Agrarökonom. Ebenfalls in diese Reihe passt Detlev Schäferjohann, der Gründer der Ferienhaus-, Studienreisen- und Kreuzfahrtportale e-domizil, e-kolumbus und e-hoi – ein Notenbanker.

Sie alle haben eins gemeinsam: Sie können mit Zahlen umgehen und nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung. Generell sind Mathematiker und Informatiker immer häufiger in der Reisebranche anzutreffen. Alexander Trieb zum Beispiel, Geschäftsführer der Amadeus Tochter travel audience, ist Mathematiker und revolutioniert gerade mit seinen Algorithmen die Werbung für Reiseprodukte. Die beiden Gründer von Trevotrend – Matthias Lange und Philipp Weiser – unterstützen das moderne Produktmanagement mit ihren Analysen und Statistiken zu Such- und Buchanfragen. Lange ist Wirtschaftsinformatiker mit Erfahrung in der IT- und Telekommunikationsbranche; Weiser ist Informatiker und Marktforscher.

Hat der Bauchtouristiker in der neuen digitalen Welt nun wirklich ausgedient?Ich halte das für sehr wahrscheinlich, zumindest wenn er sich nicht für neues Know-how öffnet. Die Reisebranche ist zahlengetrieben, die touristische Wertschöpfungskette steckt mitten in einer Digitalisierung und ändert sich mit großer Geschwindigkeit. Touristiker will ich hiermit nicht zurück auf die Schulbank schicken, ich plädiere lediglich dafür, dass sie sich nicht versperren, sondern aktiv einbinden. Unsere Branche wird sich weiterentwickeln.

Richtig ist: Nur Touristiker erkennen den Unterschied zwischen guten und schlechten Produkten auf Anhieb.

Richtig ist aber auch: Zu viele Branchen (Buchhandel, Tageszeitungen, Versandhandel) haben es versäumt, Digitalisierung und Business Intelligence zu nutzen, und stehen vor großen Herausforderungen bzw. haben Großteile ihres Geschäfts an die neuen digitalen Unternehmer verloren.

Für den Unternehmenserfolg braucht man heute und in Zukunft beides, Know-how und Leidenschaft für das Produkt sowie digitale und zahlengetriebene Prozesse. Vielleicht wird dies ja auch zur Leidenschaft, ohne dass man gleich den Blick für touristische Produkte verliert.

Was passiert, wenn Reisen lediglich auf der Grundlage des technisch möglichen produziert werden, erleben wir bei TravelTainment täglich aufs Neue anhand der Datenflut, die uns erreicht. Da finden sich plötzlich Flüge im Angebot, die von Frankfurt nach München über Kopenhagen führen. Jedwede Kombination von Hotelprodukten mit Flughäfen und Flügen wird angeboten, weil es machbar ist. Sinnvoll ist das nicht und betriebswirtschaftlich oftmals grober Unsinn; ja es verstopft gar die Datenleitungen und führt die Vertriebspartner in die Irre. Jedes schlechte Produkt (keine ausreichende Verfügbarkeit, keine Preisstabilität, für den Kunden uninteressant) nimmt im Regal nur einem guten Produkt den Platz weg und blockiert es.

Hier sind die Touristiker gefragt, denn sie wissen, was die Menschen suchen und kaufen – was sie gegebenenfalls für einen günstigen Preis auch noch in Kauf nehmen oder wie stark der Reisekomfort die Anreisemodalitäten begrenzt.

Mein Fazit: Ohne Touristiker geht es auch in Zukunft nicht. Sie müssen sich aber anpassen, sich Know-how aus anderen Branchen aneignen und die Stärken dieser Diziplinen gewinnträchtig nutzen. Touristiker müssen jetzt auf die Entwicklung reagieren, sonst werden sie in Zukunft für die „neuen Digitalen“ arbeiten.

Über den Autor

Bernhard Steffens ist seit Mai 2018 Vice President Customer Solutions Tour Operator im Bereich Travel Channels innerhalb der Amadeus Group. In dieser Funktion verantwortet er für das Tour-Operator-Segment das globale…
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