Als motivierender Steuermann mittendrin

26.11.2015  /  4 Minuten Lesezeit
Autor:
Olaf Smyk

Amadeus Blog: Amadeus setzt mehr und mehr auf agile Software-Entwicklung. Einen übergreifenden Artikel zum Thema inklusive Tipps für die eigene Arbeit finden Sie im aktuellen Amadeus Magazin. Hier im Blog lesen Sie in einer kleinen Interview-Reihe zu den Rollen in der agilen Software-Entwicklung, wie Agilität funktioniert und was sie bringt. Erstes Interview: Olaf Smyk, Product Owner.

Olaf Smyk leitet seit Kurzem ein Großprojekt bei Amadeus Germany und ist dazu in die Rolle des Product Owners geschlüpft. Für ihn ist der agile Prozess der passende Rahmen, um die komplexe Aufgabe beherrschbar zu machen.

Dein Projekt ist gerade erst im agilen Prozess gestartet – um was geht es und warum habt ihr euch für Scrum entschieden?

Der Kick-off im Scrum (Organisationsprozess in der Software-Entwicklung mit kurzen Sprints und häufigen Feedbackschleifen, die eine neue Justierung von Projekten erlauben) fand im Oktober 2015 statt. Danach haben wir Teilprojekte und zugeordnete Teams definiert und im November startete der erste Sprint. Bei diesem Projekt geht es um die Ablösung bisheriger Technologie. Wir haben uns für den agilen Prozess entschieden, weil wir hier flexibel schauen können, welche Anpassungen wie vorgenommen werden können – und welche „alten Zöpfe“ wir durch neue innovative Lösungen ersetzen können. Scrum verspricht uns auch einen Arbeitstakt, den wir langfristig aufrechterhalten können – ein wichtiger Aspekt bei einem Großprojekt. Komplexität wird sozusagen beherrschbar gemacht.

Was reizt dich an deiner aktuellen Aufgabe in der neuen Aufstellung?

Ich mag die Offenheit und klare Aussprache und verspreche mir durch die große Transparenz, dass wir wichtige Knackpunkte frühzeitig erkennen und optimal lösen können. Das Wertekonzept des Scrums, das auf Vertrauen basiert und das Kundenverhältnis partnerschaftlich vertieft, spricht mich an – dabei denke ich an externe und interne Kunden. Ich bin auch mehr ein Freund der Kommunikation als der Dokumentation. Häufig entstehen Probleme auf dieser Sender-Empfänger-Ebene. Im Scrum arbeitet niemand im stillen Kämmerlein und läuft Gefahr, sich zu verzetteln; Unklarheiten kommen sofort auf den Tisch. Mich reizt an diesem Konzept, dass wir frühzeitig Teilergebnisse haben, die ja auch jedes Mal Erfolgs- und Motivationsfaktoren sind. Wir binden Kunden frühzeitig ein und erreichen so eine hohe Akzeptanz – auf Kundenebene und in allen anderen Bereichen. Das bestätigt mich als Product Owner.

Welche Eigenschaften sollte ein Product Owner idealerweise mitbringen?

Einerseits sollte er zielstrebig, entscheidungsfreudig und durchsetzungsfähig sein, andererseits aber auch kompromissbereit und einsichtig, eine gewisse Art der Gelassenheit an der richtigen Stelle zeigen und auf alle Fälle Begeisterung und Motivation ausstrahlen. Er darf Prioritäten nicht aus dem Auge verlieren und benötigt diplomatisches Geschick. Er muss eine Vision haben und diese Vision auch vermitteln können. Im Laufe des Prozesses kann sich zeigen, dass Termine zu ambitioniert waren, das Dinge über- oder unterschätzt wurden, dass der Teufel im Detail steckt. Dann muss ich Orientierung geben.

Kannst du uns dazu ein anschauliches Beispiel geben?

Angenommen, wir wollen gemeinsam den Mount Everest besteigen. Das erste Basecamp liegt auf 5.500 Metern. Das könnte bei uns die Marktreife des ersten Releases sein. Als Product Owner laufe ich mit – ich kann das Team nicht von unten aus steuern, sondern dirigiere auf dem Weg, wir lösen die Probleme, die während des Laufens entstehen, gemeinsam, wir lernen und planen gemeinsam – Team, Scrum Master und Product Owner  –   und haben natürlich immer das Ziel, die Mission vor Augen. Beim nächsten Camp auf 6.000 Metern können wir die ersten Kunden mit der Amadeus Selling Platform Connect bedienen, bei 6.500 Metern den nächsten Schwung, und auf dem Gipfel angekommen haben wir dann den komplette Markt ausgestattet.

Das klingt sehr frei. Steckst du nicht auch mitunter „zwischen den Mühlrädern“ – hier das Team im agilen Prozess, dort fixe Rahmen- und Zielvorgaben?

Natürlich muss ich Termine und Budget einhalten, aber gerade bei sehr langen Prozesslaufzeiten ist beides nicht zu 100 Prozent planbar. In der Tat ist agile Budgetierung noch nicht wirklich ein Thema, aber bei der agilen Planung wird primär auch nicht über Budget und Zeit skaliert, sondern über den Funktionsrahmen. Das bedeutet: Budget, Zeit und Qualität sind fix, aber der Umfang der Funktionen bleibt über einen permanenten Eingriff steuerbar. Es kann sich herausstellen, dass ich bestimmte Tasks gar nicht mehr brauche, die ich anfangs spezifiziert habe. Oder ich lasse bewusst bestimme Ausbaustufen außen vor. Je schneller ich werthaltig entwickele und im Backlog priorisiere, desto niedriger ist das Risiko, dass ich nicht das Produkt bekomme, das ich brauche. Ich stehe schon zwischen den Ebenen, muss nach oben hin vermitteln und dem Team nach unten hin den Rücken stärken. Das ist die Aufgabe des Product Owners.

Scrum ist also auch eine gewisse Herausforderung für das Unternehmen insgesamt?

Ja, denn der Prozess braucht Zeit, und auch für das Management ist es teilweise noch ungewohnt, mit dieser Flexibilität umzugehen, die anfangs vermeintlich Risiken birgt. Man muss lernen, mit Transparenz und Unvorhersehbarem zu arbeiten, aber dadurch kann ich auch mögliche Probleme frühzeitig erkennen und lasse sie nicht größer werden. Oder ich kann frühzeitig anpassen  –  später werden Anpassungen viel teurer. Das Gesamtunternehmen ist sicherlich noch nicht agil aufgestellt, aber Agilität kann auch in anderen Bereichen, adaptiert an das jeweilige Umfeld, sinnvoll eingesetzt werden.

Du hast oben die alten Zöpfe erwähnt?

Genau. Ziel unseres Projektes ist es, erst einmal sicherzustellen, dass alle benötigten Funktionalitäten auch in der neuen Plattform zur Verfügung stehen. Aber wie gehen wir mit Produkten um, die beispielsweise heute nur noch wenige Kunden nutzen? Hier müssen wir abwägen, welche Produkte wir durch neue, etwa produktivere Lösungen ersetzen. Daraus können sich Herausforderungen ergeben, die beispielsweise mit meinen Sales Kollegen, aber auch mit Kunden zu besprechen sind. Auch das ist ein ganz natürlicher Prozess im Scrum.

Auf den Punkt gebracht: Was hast du dir „Scrum-bezogen“ auf deinem Laufzettel fett angestrichen?

Die vielen Diskussionen, die einfach kommen werden, zielgeführt zu steuern und schnell zu sinnvollen Entscheidungen zu kommen, die alle mittragen können.

 

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Über den Autor

Olaf Smyk ist Unit Manager Front Office bei Amadeus Germany. Die Vorteile des Scrum-Modus sieht er vor allem in flexiblen Prozessen. Auch privat ist er sportlich-agil unterwegs, etwa mit Segelboot…
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