40 Jahre START – ein Interview mit dem Chef von damals

03.06.2019  /  5 Minuten Lesezeit
Autor:
Uta Martens

Amadeus Blog: Dr. Jürgen Bommer, Jahrgang 1936, hat einen entscheidenden Termin in der Amadeus Geschichte nicht nur miterlebt, sondern herbeigeführt: Im Juni 1979, also vor 40 Jahren, ging das START System ans Netz. Im Gespräch mit Uta Martens erinnert er sich an eine Zeit des Aufbruchs.

Uta Martens: Herr Dr. Bommer, mit der Freischaltung des START Systems ging 1979 die Urversion der Software in Betrieb, die heute unter anderem als Amadeus Tour Market in sehr vielen Reisebüros im Einsatz ist. Bis zu dieser Freischaltung war es aber ein langer Weg.

Dr. Jürgen Bommer: Das stimmt. Der Weg begann im Jahr 1970, als ich noch bei der Lufthansa als EDV-Beauftragter für das Marketing arbeitete. Damals kam Prof. Hans Süssenguth aus dem Vorstand auf mich zu. Er sah, dass große Fluggesellschaften und Leistungsträger an elektronischen Systemen arbeiteten, und zwar jeder an seinem eigenen, und sagte: Wir müssen etwas für die Reisebüros tun. Es ging ihm um Vereinheitlichung und Standardisierung. Also haben wir den branchenweiten Zusammenschluss gesucht und gemeinsam mit der Deutschen Bundesbahn, der TUI und den Reisebüro-Organisationen ABR, DER und Hapag-Lloyd ergründet, wo wir eigentlich stehen. Uns wurde schnell klar, dass wir für ein Branchen-IT-System einen organisatorischen Rahmen brauchten, und so wurde 1971 die START GmbH gegründet. Daran hielten Deutsche Bahn, Lufthansa und TUI je ein Viertel, ABR, DER und Hapag-Lloyd je 8 1/3 Prozent. Der Name mit der Bedeutung Studiengesellschaft zur Automatisierung für Reise und Touristik stammt von mir – „Studiengesellschaft“ deshalb, weil wir damals noch nicht wussten, wie weit wir kommen würden. Gemeinsam mit Hermann Sturm vom DER habe ich die Geschäftsführung von START übernommen und bis 1996 innegehabt.

Neun Jahre hat es von der Idee bis zur Freischaltung gedauert. Das erscheint uns heute in Zeiten der agilen Entwicklung eine lange Spanne.

 Wir mussten uns ja alles erst erarbeiten. Mit einer Vielzahl von ausführlichen Studien haben wir die Anforderungen der Reisebüros und der Leistungsträger grundlegend ermittelt und bewertet. Nach fünf Jahren war klar, dass die Idee eine Zukunft hatte, also strichen wir 1976 die „Studiengesellschaft“ aus dem Firmennamen und nannten uns Start Datentechnik für Reise und Touristik GmbH. Und dann begann der konkrete Aufbau zusammen mit der Firma Siemens. Wir haben die Rechenzentren der beteiligten Leistungsträger miteinander verknüpft und ergänzt. Damals gab es noch keine PCs und keine Datennetze, schon gar kein Internet, und das Monopol für die Datenübertragung lag bei der Deutschen Bundespost. Wir mussten das alles konfigurieren und einrichten. Klar, mit der Lufthansa und DB im Rücken war es einfacher, eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten. Unterstützt wurden wir, außer durch unsere Gesellschafter, auch durch das Bundesministerium für Foschung und Technologie. 1977 haben Reisebüros den Start-Nutzerbeirat gegründet – zunächst unter Josef Broermann, später unter Rudi Hardell –, um die Verfahren genau auf die Anforderungen der Reisebüros auszurichten und die gegenseitigen finanziellen Forderungen abzustimmen. Pionierarbeit war es in jedem Fall.

Wie lief denn die Freischaltung?

Es waren zwei. Zum einen nahm eine kleine Gruppe mit Vertretern der Gesellschafter und des Beirates am Frankfurter Flughafen das Rechenzentrum in Betrieb. Anschließend im DER-Büro im Frankfurter Hauptbahnhof das erste Terminal. Fragen Sie mich nicht, was genau als allererstes gebucht wurde, das weiß ich nicht mehr.

Wie kam START bei den Reisebüros an?

Die Reisebüros haben sich darauf gefreut, das wussten wir ja aus den umfangreichen Vorarbeiten der Studiengesellschaft. Klar, sie mussten Mieten je Terminal entrichten, die waren damals richtig teuer – über die Miete für die Terminals haben sie sich nicht gefreut, aber sie wollten die Leistung dahinter. Wir hatten die Prozesse in etlichen Reisebüros bis ins Detail untersucht und wussten, welche Funktionen gebraucht wurden. Und wir boten allen Reisebüros die gleiche Miete, auch wenn die tatsächlichen Kosten für die Datenleitungen mit der Entfernung vom Rechenzentrum stiegen. Die Zahl der Transaktionen ging dann auch schnell in die Höhe.

Welche Funktionen waren das? Heute dreht sich alles um Preisvergleich, Zusatzangebote und Individualisierung – was stand 1979 im Mittelpunkt?

Für die Reisebüros lag der Schwerpunkt der Rationalisierung damals tatsächlich in der Automatisierung von Mid- und Back-Office-Funktionen, vor allem auch in der Ticketerstellung und dem Druck von Reisebestätigungen. Es war eine große Aufgabe, den Datenstrom bis in die Buchhaltung hinein durchgehend zu dokumentieren.

Die Buchung selbst war nicht so wichtig?

Doch, aber der Nutzen der elektronischen Reservierung machte sich eher auf der Seite der Leistungsträger bemerkbar. Für die Reisebüros war eine elektronische Buchung nicht viel schneller als eine telefonische. Die Rationalisierung im Reisebüro ergab sich eher aus den anschließenden Prozessen.

Es gibt im Film „My Big Fat Greek Wedding“ (USA/Kanada 2002) die Szene, in der eine Reisebüroinhaberin mit zwei Telefonhörern jongliert: In der einen Leitung ist der Kunde, in der anderen die Airline, und sie balanciert Angebot und Nachfrage nach und nach aus, indem sie abwechselnd in den einen und den anderen Hörer spricht. Wie realistisch war das?

Grundsätzlich lief das schon so ab. Nur nicht gleichzeitig, sondern nacheinander durch eine Reihe von Telefonaten. Der Film überspitzt also ein bisschen, dennoch wird das Rationalisierungspotenzial deutlich.

Was war denn 1979 im Angebot? Ausschließlich Reisen der Gesellschafter?

Es gab klare Erwartungen des Forschungsministeriums, das System neutral aufzustellen. Daher waren über die Lufthansa auch die Flüge anderer Fluggesellschaften verfügbar, und die Pauschalreisen kamen nicht nur vom damaligen Gesellschafter TUI.

Welche Auswirkungen hatten die Anbindung an das 1987 gegründete GDS von Amadeus und die vollständigen Übernahme durch Amadeus im Jahr 2003 für START?

Nachdem zunächst die Reisebüro-Gesellschafter, dann auch DB und TUI ihre Anteile an Lufthansa abgegeben und später Lufthansa ihre Anteile wiederum insgesamt an Amadeus verkauft hatte, wurde Amadeus 1996 alleiniger Gesellschafter von START. Ich bin zu diesem Zeitpunkt für zwei Jahre als Senior Vice President zu Amadeus gegangen und habe dort den Bereich „New Distribution Technology“ aufgebaut bzw. auf den Weg gebracht. Amadeus hat damals natürlich den Schwerpunkt auf die Flugbuchung gelegt. Die elektronische Buchung und Verwaltung von Pauschalreisen wurde lokal gepflegt und weiterentwickelt und ist heute als Amadeus Tour Market sehr lebendig und präsent.

Ihre Frau und Sie reisen viel. Wie buchen Sie die Reisen?

Wenn ich zum Beispiel mit der Bahn nach Berlin fahre, buche ich das nicht im Reisebüro. Und auch Flüge suche ich als Lufthanseat heute noch auf anderen Wegen. Für komplexe Reisen würde ich mir natürlich professionellen Rat suchen. Meine Tochter ist da schon ganz anders: Sie hat große Freude daran, ganze Südamerika-Rundreisen vollständig selbst zusammenzustellen. Das ist heutzutage über das Internet gut möglich, daher werden Reisebüros für Kunden, die Spaß an der Reisezusammenstellung haben, ersetzbar. Zum Glück für die Reisebüros ist das nicht die Mehrheit.

Haben Sie für die Touristiker von heute einen Rat?

Untersuchen Sie genau, wer Ihre Kunden sind und was sie wünschen. Die Endkunden entscheiden, wo sie buchen, nämlich dort, wo sie etwas geboten bekommen. Wer diese Kanäle nicht bedient, verliert Traffic.

Dr. Jürgen Bommer, ehemaliger Geschäftsführer der START Datentechnik für Reise und Touristik GmbH

Herzlichen Dank für das Interview!

Über den Autor

Uta Martens ist seit Mai 2018 Sales Director Retail Global Accounts und in dieser Funktion weltweit verantwortlich für die Betreuung und den Vertrieb an internationale Großkunden. Darüber hinaus ist sie…
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